Der Erste Wächter · Band 1

Kapitel 9

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Balura konnte nicht schlafen.

Er lag den Rest der Nacht wach in seinem Lager, den Mantel bis über die Schultern gezogen, und starrte in die Dunkelheit zwischen den Bäumen. Das Feuer war fast heruntergebrannt. Nur ab und zu knackte noch ein Stück Holz in der Glut.

Toxiral hatte sich irgendwann hingelegt, als wäre nichts geschehen.

Als hätte er nicht eben einen Prinzen von Atäerya zu Boden geschlagen.

Balura dagegen hatte noch lange dagesessen. Erst wütend. Dann beschämt. Dann mit diesem elenden Gefühl, sich selbst zu bemitleiden. Er hasste es und konnte doch nichts dagegen tun.

Irgendwann war er aufgestanden, hatte sein Lager gerichtet und sich hingelegt.

Geschlafen hatte er trotzdem nicht.

Als der Morgen grau zwischen die Äste kroch, richtete sich Toxiral auf. Kein Stöhnen. Kein Gähnen. Kein langsames Erwachen. Er saß einfach da und sah zu Balura hinüber, als hätte er längst gewusst, dass dieser wach war.

„Hast du gelernt zu sehen?“

Balura saß auf dem Boden, die Beine angewinkelt. Seine Arme lagen schwer auf den Knien. Er blickte auf seine Stiefel.

Sein ganzer Körper schmerzte.

Rücken. Schulter. Rippen. Schenkel.

Selbst das Atmen zog an Stellen, die gestern noch nicht wehgetan hatten.

Toxiral war eindeutig mächtig. Daran gab es nichts mehr schönzureden.

„Nein“, brummte Balura. Seine Stimme war rau. „Ich weiß nicht, was ich sehen soll.“

„Natürlich nicht.“

Toxiral setzte sich neben ihn. Nicht dicht, aber nah genug, dass Balura den Geruch von Rauch, Leder und kaltem Eisen wahrnahm. Er griff in seine Tasche, brach ein Stück Brot und Käse ab und legte es Balura hin. Dann biss er selbst ab und kaute, als wäre dies ein völlig gewöhnlicher Morgen.

„Um mich finden zu können“, sagte er, „musst du erst sehen können.“

Balura hob den Blick.

Im Licht des Morgens sah Toxiral nicht mehr ganz so bedrohlich aus. Nicht freundlich. Das bestimmt nicht. Aber weniger wie der Schatten, der gestern aus der Gasse getreten war. Er war ein Mann mit Staub an den Stiefeln, zerzaustem Haar und einem angebissenen Stück Käse in der Hand.

Was meinte er damit?

Sehen?

Ihn finden?

Bevor Balura fragen konnte, sprach Toxiral weiter.

„Ab heute bist du der Schüler. Ich bin der Meister.“

Er fuchtelte mit dem Kanten Käse herum, als hätte er damit gerade ein Gesetz verkündet.

Balura hielt seinem Blick nicht stand. Er sah wieder zu Boden, nahm das Brot und biss hinein. Es war trocken und kratzte in seinem Hals.

„Ja, Meister“, sagte er.

Das Wort kam nur widerwillig heraus. Er presste es zwischen den Zähnen hindurch.

Er musste mitgehen. Er hatte einen Auftrag. Sein Vater verlangte es von ihm. Wie sollte er jetzt nach Hause zurückkehren? Was sollte er sagen? Dass sein neuer Lehrmeister ihn geschlagen hatte und er deshalb beschlossen hatte, beleidigt umzukehren?

Nein.

Das ging nicht.

Als hätte Toxiral seine Gedanken erraten, packte er die Essensreste wieder weg.

„Ich hätte dich ohnehin nicht gehen lassen.“

Balura sah auf.

Die Worte waren ruhig gesagt, aber in ihnen lag etwas Gefährliches. Keine laute Drohung. Eher eine Tatsache.

Balura konnte sich vorstellen, wie Toxiral ihn aufgehalten hätte. Ein Griff. Ein Schlag. Ein Zauber, den niemand bemerkt hätte, bis Balura schon wieder im Staub gelegen hätte.

Hass loderte in ihm auf.

Dann dachte er an gestern.

An seine eigene Wut, die ihm nichts gebracht hatte. An den Schmerz. An den Moment, in dem Toxiral ihn gelesen hatte wie ein offenes Buch.

Balura atmete durch die Nase ein. Langsam. Seine Hände waren zu Fäusten geworden. Er zwang die Finger auseinander.

„Du wolltest mich nicht gehen lassen?“

Toxiral schwieg.

Er hatte also keine Wahl.

Natürlich nicht.

Balura senkte den Blick. Immer wussten andere mehr als er. Sein Vater. Seine Mutter. Vielleicht Marlon. Und nun Toxiral, der neben ihm saß und wirkte, als wäre Baluras Zorn nichts weiter als ein Tier, das irgendwann müde wurde.

Er dachte an sein Zuhause. An den Palast. An seine Geschwister. An Oynara. An seinen Vater.

Jugora hatte einen Grund gehabt, Toxiral auszuwählen.

Oder hatte sein Vater selbst keine Wahl gehabt?

Balura schluckte den letzten Bissen hinunter. Das Brot lag schwer in seinem Magen.

Er würde den Prinzen retten. Er würde diese Ausbildung beenden. Und wenn er zurückkam, würde er seinen Vater zur Rede stellen.

Nicht als Kind.

Nicht mit gesenktem Kopf.

„Meister?“

Toxiral hob nur die Augen.

Diesmal zwang Balura sich, den Blick nicht gleich wieder zu senken.

„Wie geht es jetzt weiter?“

Toxiral sah ihn an, dann stand er auf.

„Sag du es mir.“

Balura runzelte die Stirn. „Wie meint Ihr das?“

Sein Blick folgte seinem neuen Meister.

Toxiral begann, sein Lager zusammenzupacken. Decke rollen. Riemen ziehen. Tasche schließen. Jeder Griff saß. Kein unnötiges Suchen, kein Zögern.

Balura stemmte sich hoch. Seine Rippen protestierten sofort. Er hielt kurz die Luft an, wartete, bis der Schmerz dumpfer wurde, und griff dann nach seinen Sachen.

Toxiral antwortete mit dem Rücken zu ihm.

„Alle Entscheidungen liegen bei dir. Wie wir vorgehen. Wohin wir gehen. Was wir riskieren.“

Balura schnallte sich Elyndhaor um die Hüfte. Als der Gürtel gegen die Stelle drückte, an der er gestern aufgeschlagen war, zuckte er zusammen.

„Warum?“

„Echte Entscheidungen. Echte Konsequenzen.“

Toxiral hob seine Sachen auf das Pferd und zog den Sattelriemen fest.

Balura warf sich seine magische Reisetasche über die Schulter und befestigte sie. Sie war viel zu leicht für das, was darin lag. Marlon hatte mehr für ihn getan, als Balura ihm gestern hatte sagen können.

Er ging zu seinem braunen Pferd.

Das Tier hob den Kopf und sah ihn mit dunklen, ruhigen Augen an.

Entscheidungen.

Aber welche waren die richtigen?

Balura drehte sich zu Toxiral um. Er dachte an Rentoka. An den Orkprinzen. An die Nachricht, dass dieser gar nicht mehr in Rentoka sein sollte, sondern in Rahgor. Er dachte an den Schreckenswald, an die verschwundenen Drachen und an seinen Traum, der ihm noch immer wie Rauch hinter den Augen hing.

„Was, wenn ich überhaupt nicht alle nötigen Informationen habe, um eine Entscheidung zu treffen?“

Toxiral lachte tief und leise.

„Du lernst schnell.“

Balura wusste nicht, ob das Spott war oder Lob. Bei Toxiral klang beides ähnlich.

„Als Belohnung“, sagte Toxiral, „gebe ich dir eine Information.“

Balura spürte, wie Neugier in ihm aufstieg.

Und noch etwas.

Etwas Unangenehmes.

Eine Art Dankbarkeit.

Nur wegen dieses einen Wortes. Belohnung.

Er hasste, dass es wirkte.

„Welche?“

Toxiral strich seinem Pferd über den Hals und prüfte den Zaum.

„Wir sind schneller in Rahgor, wenn wir zu den Zwergen gehen.“

„Zu den Zwergen?“ Balura sah ihn an. „Was wollen wir denn da?“

„Die Zwerge haben eine Möglichkeit zu reisen, die kein anderes Volk hat. Außerdem müssen wir so nicht um das Gebirge herum.“

Balura ließ die Worte sinken.

Zu den Zwergen.

Er wusste nicht viel über sie, aber genug, um nicht wie ein Narr loszureiten. Die Zwerge lebten meist für sich. Andere Völker ließen sie hauptsächlich in ihre oberirdischen Handelsstädte, nahe am Gebirge. Dort wurde gehandelt, verhandelt, geprüft. Aber die tieferen Hallen waren etwas anderes.

Und ihre Reisewege erst recht.

„Die lassen uns nicht einfach hinein“, sagte Balura. „Schon gar nicht, damit wir ihre entwickelte Reisemöglichkeit benutzen.“

Er band sein Pferd vom Baum los und folgte Toxiral, der sich bereits durch das Gestrüpp zur Straße drängte.

„Wenn du bis dahin die richtigen Worte gefunden hast, vielleicht schon“, brummte Toxiral.

Natürlich.

Auch das war eine Prüfung.

Als sie sich durch die Büsche zurück auf die Straße zwängten, blieb Balura kurz stehen und sah sein Pferd an. Das Tier schnaubte leise, als wäre es von all dem unbeeindruckt.

Balura strich ihm über den Hals.

„Ich sollte dir einen Namen geben.“

Das Pferd bewegte ein Ohr.

Balura betrachtete den breiten Kopf, die dunklen Augen, das braune Fell.

„Tavon“, sagte er. „Dein Name ist Tavon.“

Er klopfte dem Tier den Hals und sah zu Toxiral hinüber, der bereits aufstieg. Kerzengerade saß er im Sattel, als gäbe es keinen Schmerz, keine Müdigkeit und kein Zögern.

Balura setzte den Fuß in den Steigbügel. Seine Rippen zogen. Er biss die Zähne zusammen und zog sich hoch.

„Also zu den Zwergen?“

Toxiral blickte nicht zurück.

„Ist das eine Frage?“

Balura nahm die Zügel.

„Nein.“

Er trieb Tavon an und schloss zu seinem Meister auf.

„Gut“, sagte Toxiral. „Bis zur zwergischen Handelsstadt Drok-Grugal brauchen wir knapp zwei Wochen.“

Dann ritten sie schweigend.

Die Straße zog sich zwischen Bäumen und niedrigen Hügeln entlang. Sie war keine königliche Straße mehr wie in Atäerya. Keine sauber gesetzten Steine. Keine Wachposten in regelmäßigen Abständen. Keine Wegmarken, die frisch gestrichen waren.

Hier war der Boden weicher. Wurzeln drückten sich unter dem Staub hervor. Alte Wagenrinnen liefen wie Narben durch den Weg. An manchen Stellen hatte Regen tiefe Furchen hineingeschnitten.

Balura sprach nicht.

Toxiral sprach auch nicht.

Zuerst war Balura froh darüber. Kein Spott. Keine Befehle. Keine neuen Rätsel. Nur der Hufschlag der Pferde, das Knarren von Leder und das ferne Rufen eines Vogels.

Doch je länger sie ritten, desto schwerer wurde das Schweigen.

Seine Gedanken fanden immer wieder zu ihm zurück.

Luna.

Der Palast.

Sein Vater.

Rentoka.

Rahgor.

Der Schreckenswald.

Drachen, die verschwunden waren.

Sein Traum.

Und neben ihm Toxiral, der nichts erklärte.

Zur Mittagszeit hielten sie nur kurz. Brot, Wasser, ein paar getrocknete Früchte. Toxiral aß im Stehen. Balura setzte sich auf einen Stein und bereute es sofort, weil seine Schenkel brannten. Beim Aufstehen verzog er das Gesicht.

Toxiral sah es.

Natürlich sah er es.

„Du sitzt falsch.“

Balura hielt inne. „Was?“

„Auf dem Pferd.“

Balura wollte widersprechen. Er konnte reiten. Er ritt seit Jahren. In Atäerya hätte niemand behauptet, er säße schlecht im Sattel.

Toxiral sah ihn nur an.

Balura schwieg.

„Du sitzt wie auf dem Übungshof“, sagte Toxiral. „Nicht wie auf einer Reise.“

Dann stieg er wieder auf.

Balura presste die Lippen zusammen und tat es ihm gleich.

Am Abend fanden sie einen Platz nahe einem schmalen Fluss. Das Wasser lief klar über dunkle Steine, nicht tief, aber schnell genug, um Geräusche zu verschlucken.

Balura stieg von Tavon ab und musste sich am Sattel festhalten, bis seine Beine wieder ihm gehörten.

Den ganzen Tag waren sie nebeneinander hergeritten.

Sein Rücken schmerzte. Seine Schenkel brannten. Die Stelle an seiner Seite pochte dumpf unter der Kleidung.

Trotzdem begann er, beim Lager zu helfen. Er führte Tavon und Toxirals Pferd zum Fluss, ließ sie trinken und prüfte die Stricke. Danach sammelte er Holz. Nicht viel. Nur genug für ein kleines Feuer.

Toxiral sagte nichts dazu.

Er breitete seinen Schlafplatz aus, kniete sich dann vor die vorbereitete Feuerstelle und hob leicht den Kopf.

Kein Spruch.

Keine große Handbewegung.

Er pustete nur in Richtung des Holzes.

Eine kleine Flamme löste sich von seinen Lippen. Sie war nicht wie gewöhnliches Feuer. Dünner. Heller. Sie wirbelte durch die Luft, als würde sie einem unsichtbaren Pfad folgen, und kroch zwischen die Zweige.

Das Holz knackte.

Erst glomm es, dann züngelte Feuer daraus hervor.

Balura starrte hin.

„Meister?“

„Hm.“

„Fürchten die Zwerge sich nicht vor dem Schreckenswald? Ihre Reiche liegen doch sehr nah daran.“

Toxiral legte ein weiteres Stück Holz in die Flammen.

„Sie sind gut geschützt.“

Balura wartete.

Toxiral stocherte mit einem Ast in der Glut. „Auf der anderen Seite des Gebietes stehen gewaltige Mauern. Stein, Eisen, alte Runen, tiefe Tore. Die Zwerge haben gelernt, Dinge draußen zu halten.“

Balura dachte an die Mauer von Atäerya. Vierzig Schritt hoch, breit genug für Wachen, Wagen und Kriegsgerät. Als Kind hatte er geglaubt, nichts auf der Welt könne größer oder sicherer sein.

„Dann sind sie sicher“, sagte er.

Toxiral sah in die Flammen.

„Nein.“

Balura blickte ihn an.

„Sie sind besser vorbereitet als viele andere“, sagte Toxiral. „Das ist nicht dasselbe.“

Der Fluss rauschte weiter.

„Was kommt, wird auch sie erreichen“, brummte er.

Balura legte Elyndhaor neben sein Nachtlager. Der violette Edelstein fing den Feuerschein und gab ihn dunkel zurück.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie Toxiral aufstand.

Nicht zufällig.

Balura richtete sich langsam auf.

Toxiral stand ihm gegenüber. Der Feuerschein lag auf einer Seite seines Gesichts, die andere blieb dunkel.

„Bist du bereit für den nächsten Kampf?“

Sein Blick war grimmig, aber nicht bösartig.

Balura verzog das Gesicht. „Mein ganzer Körper tut noch weh.“

„Gut.“

„Gut?“

„Dann vergisst du nicht, dass Fehler wehtun.“

Balura biss die Zähne zusammen.

Er wollte sagen, dass er nicht bereit war. Dass kein Mensch nach dem gestrigen Kampf und einem ganzen Tag im Sattel schon wieder kämpfen konnte.

Aber Toxiral wartete nicht auf seine Zustimmung.

Balura stellte sich ihm gegenüber. Zwischen ihnen lagen ein paar Schritte, trockenes Gras und flackerndes Licht.

Er zog Elyndhaor nicht.

Toxiral hob keine Hand.

Sie standen nur da.

Regungslos.

Balura starrte ihn an.

Toxiral starrte zurück.

Dann kam der Druck.

Zuerst war es kaum mehr als ein unangenehmes Ziehen hinter Baluras Stirn. So, als hätte er zu lange in helles Licht gesehen. Er blinzelte.

Der Druck wuchs.

Er kroch hinter seine Augen, in seine Schläfen, hinunter in den Kiefer. Balura spannte den Körper an. Sein Atem stockte.

Es fühlte sich an, als würden große Hände seinen Kopf umfassen und langsam zudrücken.

„Was ist das?“

Toxiral stand noch immer vor ihm.

Keine Handgeste.

Kein Zauberwort.

Kein Licht.

Kein Zeichen.

Balura sah nichts, woran er den Angriff hätte erkennen können.

Er trat einen halben Schritt zurück.

Der Druck ließ nach.

Balura atmete aus.

Dann kam er stärker zurück.

Seine Finger krampften sich zusammen. Das Feuer verschwamm vor seinen Augen. Rote Streifen. Schwarze Ränder. Ein dumpfes Pochen hinter der Stirn.

„Ahh ... was ist das?“, presste er hervor.

Toxirals Stimme blieb ruhig.

„Wenn du dich nicht wehrst, wirst du weiter leiden.“

Balura starrte ihn an.

Wehren?

Wogegen?

Da war keine Klinge. Kein Schlag. Kein sichtbarer Zauber. Toxiral hatte nicht einmal die Hand gehoben.

Der Druck wurde härter. Er saß jetzt nicht mehr nur im Kopf. Er zog in den Nacken, presste gegen die Zähne und kroch hinter die Augen.

Balura wurde übel.

Seine Knie gaben nach.

Er fiel auf die Knie und stützte sich mit einer Hand in der Erde ab. Kleine Steine bohrten sich durch den Stoff in seine Haut.

„Ahh!“

Tavon schnaubte unruhig. Eines der Pferde trat gegen den Boden. Der Fluss rauschte. Das Feuer knackte.

Toxiral stand vor ihm wie ein dunkler Pfahl im Licht.

„Such nicht nach meiner Hand“, sagte er. „Such nicht nach meinem Mund. Such nach dem Druck.“

Balura hörte die Worte, aber sie kamen weit entfernt an.

Such nach dem Druck.

Wie sollte man nach Schmerz suchen?

Er presste die Augen zusammen.

Sofort wurde es schlimmer.

Schwarz und Rot flackerten hinter seinen Lidern. Er riss die Augen wieder auf. Tränen liefen ihm über die Wangen, vor Schmerz oder Wut, vielleicht wegen beidem.

Der Druck hatte eine Richtung.

Oder bildete er sich das ein?

Er kam nicht einfach von überall. Da war etwas. Ein unsichtbarer Zug zwischen ihm und Toxiral. Dünn. Hart. Brutal gespannt.

Balura versuchte, ihm zu folgen.

Nicht mit den Augen.

Mit etwas anderem.

Mit dem Teil in ihm, der im Traum geflogen war. Mit dem Teil, der das Brüllen der Drachen gehört hatte. Mit dem Teil, der seit seiner Abreise an ihm kratzte, ohne dass er verstand, woher.

Der Schmerz wurde nicht weniger.

Aber klarer.

Balura keuchte.

Toxiral war da.

Nicht nur als Mann vor dem Feuer.

Da war ein Punkt im Dunkeln. Hart. Kalt. Wach.

Balura sah ihn nicht.

Und doch war er da.

Dann brach seine Konzentration.

Der Druck schlug zurück, stärker als zuvor.

Balura schrie. Sein Arm gab nach, und er kippte zur Seite. Erde klebte an seiner Wange. Das Feuer wurde zu einem verschwommenen hellen Fleck.

„Aufstehen“, sagte Toxiral.

Balura hörte ihn kaum.

Sein Kopf dröhnte. Sein Magen zog sich zusammen. Er wollte würgen, aber es kam nichts. Er stemmte eine Hand in den Boden. Die Finger rutschten über feuchtes Laub.

„Aufstehen.“

Balura knurrte. Kein Wort. Nur ein Laut aus Wut und Schmerz.

Er zog ein Knie unter sich.

Der Druck presste ihn wieder hinunter.

Da begriff er etwas.

Nicht viel.

Nur genug.

Er hatte versucht, gegen den Schmerz zu kämpfen wie gegen einen Schlag. Er hatte sich angespannt, die Zähne zusammengebissen, den Körper hart gemacht.

Aber da war nichts, was seine Muskeln treffen konnten.

Also ließ er die Schultern sinken.

Nicht, weil er aufgab.

Weil er suchte.

Er atmete durch die Nase ein. Der Atem zitterte. Er folgte diesem Druck, diesem fremden Griff in seinem Kopf. Er versuchte nicht, ihn wegzuschieben.

Er versuchte, ihn zu erkennen.

Da war wieder dieser Punkt.

Toxiral.

Nicht sein Gesicht.

Nicht sein Körper.

Etwas dahinter.

Balura riss die Augen auf.

Der Druck flackerte.

Toxirals Blick wurde schmaler.

Dann sah Balura nur noch schwarz.