Als Balura die Augen öffnete, befand er sich nicht mehr in seinem eigenen Körper.
Für einen Atemzug verstand er nicht, was geschehen war.
Er lag nicht mehr im Gras. Er spürte keinen schmerzenden Kopf, keine Kälte unter seinen Fingern, kein Gewicht seiner müden Glieder. Stattdessen stand er auf allen vieren auf einem breiten Felsplateau, hoch oben in einem Gebirge, das er nicht kannte.
Wind strich über Schuppen.
Nicht über Haut.
Balura erstarrte innerlich.
Unter ihm fiel der Berg steil ab. Weit in der Tiefe breitete sich ein Wald aus, dunkel und gewaltig, als hätte er die Täler verschlungen. Nebel hing zwischen den Baumkronen. Die Luft war klar, kalt und voller Gerüche, die Balura nicht einordnen konnte. Stein. Schnee. Harz. Ferne Feuchtigkeit. Und etwas Warmes, Vertrautes, das nicht ihm gehörte.
Er wollte den Kopf drehen.
Doch der Körper tat es bereits.
Sein Blick glitt zu einem Felsvorsprung, der nur wenige Schritte entfernt aus dem Berg ragte.
Dort spielten drei Drachenkinder.
Balura wusste nicht, woher er wusste, dass sie Kinder waren. Jedes einzelne von ihnen war größer als ein Pferd. Und doch wirkten sie jung, unbeholfen, voller ungebändigter Kraft. Ihre Bewegungen waren wild, verspielt und noch nicht ganz sicher.
Eines der Drachenkinder schimmerte silbern, als hätte Mondlicht seine Schuppen berührt. Das zweite glänzte golden in der Sonne. Das dritte war schwarz.
Nicht stumpf.
Nicht matt.
Schwarz wie eine Nacht, in der Sterne verborgen lagen.
Die drei rangen miteinander, schoben sich mit den Schultern an, schnappten spielerisch nach Flügeln und Schwänzen. Der schwarze Jungdrache breitete plötzlich seine noch viel zu großen Schwingen aus, stieß sich vom Fels ab und stieg in die Höhe.
Balura spürte, wie sich der Körper, in dem er steckte, anspannte.
Sorge.
Nein.
Nicht seine Sorge.
Ihre.
Er war in einem Drachenkörper. Aber nicht in irgendeinem.
In dem Körper einer Drachin.
Einer Mutter.
Sie stand hier, auf diesem Berg, zwei Tagesflüge vom Eingang der Drachenreiche entfernt. Von Reichen, in die kein Sterblicher Zugang hatte, wenn nicht einer ihrer Art ihn hineinführte.
Die Drachenkinder waren hier, weil ihr Gefährte eine Ahnung gehabt hatte.
Der schwarze Jungdrache schlug unbeholfen, aber kräftig mit den Flügeln. Für einen Augenblick gewann er Höhe, viel zu schnell, viel zu hoch. Dann kippte er zur Seite, fing sich wieder, drehte sich in einem wilden Bogen und vollführte einen taumelnden Looping.
Die Drachin hielt den Atem an.
Oder Balura tat es.
Er wusste es nicht.
Der schwarze Jungdrache stieß einen hellen, rauen Ruf aus und landete krachend wieder auf dem Felsvorsprung. Direkt in seine Geschwister hinein.
Silber, Gold und Schwarz rollten übereinander. Krallen schabten über Stein, kleine Flügel schlugen durcheinander, und alle drei stießen helle, grollende Laute aus.
Balura hätte schwören können, dass sie lachten.
Da erklang ein Ruf über dem Gebirge.
Kein Brüllen des Zorns.
Kein Ruf des Angriffs.
Etwas Helles schwang darin. Freude. Erleichterung. Heimkehr.
Die Drachenkinder hielten inne. Ihre Köpfe fuhren herum. Dann antworteten sie mit ihren kleinen, rauen Stimmen, die mehr Mauzen als Brüllen waren.
Auch die Drachin hob den Kopf.
Balura sah mit ihren Augen zum Himmel.
Weit oben glitt ein gewaltiger Drache durch die Luft. Seine Schuppen waren violett, tief und dunkel, als hätten Abendhimmel und Sturmwolken sich in ihnen vermischt. Vier mächtige Beine lagen eng an seinem Leib. Zwei gewaltige Schwingen trugen ihn durch den Wind.
Balura wusste es, noch bevor er es verstand.
Ein Hochdrache.
Nein.
Sie alle waren Hochdrachen.
Eine Familie.
Plötzlich berührte eine Präsenz seinen Geist.
Balura erschrak so heftig, dass er beinahe vergessen hätte, dass dieser Körper nicht ihm gehörte.
Die Präsenz kam nicht wie eine Stimme von außen. Sie war einfach da. Mächtig. Warm. Alt. Sie drang nicht in ihn ein, und doch füllte sie alles aus, als hätte sich eine Tür geöffnet, die nie hätte geöffnet werden dürfen.
Die Drachin spürte sie ebenfalls.
Und erst jetzt begriff Balura, dass sie sich gesorgt hatte. Tief in ihr lag diese Sorge, verborgen unter der Freude, schwer und alt wie Stein.
Dann wurde die Präsenz stärker.
Freude stieg in der Drachin auf.
Wo bist du geblieben?, fragte sie in ihrem Geist. Wir warten seit zwei Wochen auf dich.
Die Antwort des violetten Drachen grollte nicht durch die Luft.
Sie grollte durch Bewusstsein.
Durch ihren Geist.
Durch Baluras Geist.
Ich musste mich selbst überzeugen.
Wut loderte in ihm auf.
Nicht laut. Nicht wild.
Tief.
Wie Feuer unter Stein.
Balura spürte sie durch die Verbindung hindurch. Und mit ihr kam etwas anderes.
Trauer.
Sie schwappte in den Geist der Drachin, schwer und dunkel, so erdrückend, dass Balura für einen Moment nicht mehr wusste, ob es seine Trauer war, ihre oder die des violetten Drachen.
Die Drachin wappnete sich dagegen.
Balura spürte, wie sie sich auf etwas in sich selbst zurückzog. Auf die Wärme ihrer Kinder. Auf die Jahre mit ihrem Gefährten. Auf seine Stimme, bevor Trauer sie verdunkelt hatte. Auf das Gewicht der kleinen Drachenleiber, wenn sie sich nachts an sie drängten.
Aus diesen Erinnerungen errichtete sie eine Mauer in ihrem Geist.
Keine Mauer aus Stein.
Eine aus Liebe.
Die Präsenz des violetten Drachen wurde schwächer. Nicht, weil er ging, sondern weil sie sich schützte.
Bleib, sagte sie.
Dankbarkeit antwortete ihr. Nicht als Wort. Als Gefühl.
Der violette Drache sank tiefer, seine Schwingen schnitten durch den Wind.
Wir müssen so schnell wie möglich zu König Zhyranthor, sagte er. Er muss vom Zustand der sterblichen Welt erfahren.
Die Freude der Drachin zerbrach nicht. Aber sie wurde schmaler.
Vorsichtiger.
Was hast du herausfinden können?
Einen Moment antwortete er nicht.
Dann kam seine Stimme wieder, dunkel und schwer.
Es ist nicht mehr, wie es einmal war.
Trauer durchflutete die Drachin.
Und Balura mit ihr.
Er verstand nicht, was hier geschah. Er verstand nicht, wo er war, wessen Körper er trug oder warum diese fremden Gefühle durch ihn hindurchbrannten, als wären sie seine eigenen.
Der violette Drache sprach erneut.
Drachen … sie werden gejagt.
Balura sah keine Bilder.
Und doch waren sie da.
Fetzen. Schatten. Eindrücke.
Flügel über brennenden Tälern. Ketten, die sich in Schuppen schnitten. Junge Drachen, die schrien. Der Geruch von Eisen. Blut auf Stein. Stimmen, die Befehle gaben. Wesen, die nicht verstanden, was sie waren.
Der violette Drache grollte.
Wenn wir Zhyranthor nicht schnell davon berichten, könnten sie in unser Reich vordringen.
Die Drachin schnaubte. Hitze rollte durch ihre Brust.
Nur Hochdrachen dürfen Sterbliche in unsere Reiche einladen. Keiner von uns würde sie hierherführen.
Der violette Drache senkte den Kopf.
Trauer lag in ihm.
Und Bitterkeit.
Du irrst dich, meine Liebe.
Die Drachin wurde still.
Jeder unserer Brüder und Schwestern, die wir vor Jahrhunderten zurückgelassen haben, ist tot. Sie haben ihre Kinder geraubt, versklavt und zu Waffen gemacht.
Die Worte trafen sie wie Krallen.
Balura spürte, wie etwas in ihr erstarrte.
Der violette Drache fuhr fort.
Keiner der heute noch lebenden Drachen erinnert sich an seine Herkunft.
Zorn stieg auf.
Nicht nur seiner.
Nicht nur ihrer.
Etwas Neues drängte in Balura.
Etwas Gewaltiges.
Trauer. Wut. Zorn.
So stark, dass seine Gedanken unter dem Gewicht nachgaben.
Er konnte sich dem nicht entziehen. Sein Blick verschwamm. Der Wind, der Berg, die Drachenkinder, der violette Drache, alles verlor seine Form.
Dann kam Schmerz.
Ein heller Riss durch seinen Kopf.
Schmerz.
Und Dunkelheit.
Balura erwachte mit einem Keuchen.
Sein Kopf pochte, als hätte jemand einen Schmiedehammer gegen seine Schläfen gesetzt. Für einen Moment wusste er nicht, wo er war. Er roch Rauch. Feuchtes Gras. Pferd. Leder.
Keinen Schnee.
Keinen Stein.
Keine Drachen.
Er riss die Augen auf.
Über ihm hing der graue Morgen. Die Glut des Feuers war fast erloschen. Neben dem Lager saß Toxiral und schrieb etwas in sein Buch. Seine Sachen waren bereits gepackt. Die Pferde standen gesattelt bereit.
Balura hob zitternd eine Hand an seinen Kopf.
„Ein Traum“, keuchte er.
Doch selbst als er es sagte, glaubte er nicht daran.
Wieder so echt.
So real.
Er hatte die Trauer gespürt. Nicht gesehen. Nicht gehört. Gespürt. Als hätte sie sich in seine Knochen gelegt.
Was war das?
Toxiral blickte kurz auf.
„Wird auch Zeit“, brummte er.
Er klappte sein Buch zu.
Balura richtete sich mühsam auf. Sein Schädel brummte. Jeder Atemzug schien den Schmerz tiefer in ihn hineinzutreiben.
„Toxiral …“
„Meister“, sagte Toxiral streng.
Balura presste die Lippen zusammen.
Natürlich.
„Meister“, sagte er widerwillig. „Was ist passiert?“
„Du bist ohnmächtig geworden.“
„Das weiß ich selbst.“
„Dann frag nicht.“
Toxiral stand auf und warf einen prüfenden Blick über ihn.
„Steh auf. Wirst du krank? Du siehst blass aus.“
Balura stützte sich mit einer Hand am Boden ab und kam langsam auf die Füße. Seine Beine fühlten sich weich an, als gehörten sie nicht ganz zu ihm.
Sie hatten kämpfen wollen.
Aber es war kein normaler Kampf gewesen.
Nicht mit Schwertern. Nicht mit Fäusten. Nicht einmal mit Zaubern.
Balura erinnerte sich an den Druck. An die fremde Gewalt in seinem Kopf. An die Art, wie die Drachen miteinander gesprochen hatten. Nicht mit Worten in der Luft, sondern mit Bewusstsein.
Er hob den Blick.
„Ihr habt mit eurem Bewusstsein angegriffen.“
Es war keine Frage.
Toxiral sah ihn an.
Für einen winzigen Augenblick veränderte sich sein Gesicht. Nicht viel. Nur genug, dass Balura es bemerkte. Überraschung, vielleicht. Dann etwas anderes. Ein kurzes Verstehen.
Dann war es verschwunden.
„Was hast du geträumt?“, fragte Toxiral.
Baluras Finger verkrampften sich.
Wieder eine Frage.
Keine Antwort.
Immer nur Fragen.
„Das geht Euch nichts an“, sagte er.
Toxiral schwieg.
Balura trat einen Schritt näher. Sein Kopf schmerzte bei jeder Bewegung.
„Warum habt Ihr das gemacht? Den Angriff? Ihr wisst doch, dass ich keine Magie habe.“
„Na und?“, sagte Toxiral.
Balura starrte ihn an.
Toxiral zog den Sattelgurt eines Pferdes fester.
„Deine Gegner fragen nicht danach, ob du Magie besitzt. Sie töten dich trotzdem.“ Er sah Balura über die Schulter hinweg an. „Außerdem war es keine Magie. Es war Bewusstsein. Wie du richtig schlussfolgerst.“
Balura blinzelte.
Etwas in ihm wurde hell.
Nur ein kleiner Funke.
„Also hätte ich es abwehren können? Auch ohne Magie?“
„Das wird sich zeigen.“
Toxiral wandte sich ab und ging zu den Pferden.
„Pack deine Sachen. Wir brechen auf.“
Balura blieb einen Moment stehen.
Das wird sich zeigen.
Keine Antwort. Aber auch kein Nein.
Er zwang sich, seine Sachen zusammenzuräumen. Seine Finger waren noch ungelenk, sein Kopf pochte, doch er schnallte sich Elyndhaor an die Hüfte und ging zu Tavon. Das Pferd schnaubte leise, als Balura die Zügel nahm.
Kurze Zeit später ritten sie wieder auf dem Weg.
Der Morgen war kühl. Nebel hing zwischen den niedrigen Hügeln, und das Gras am Rand des Pfades glänzte feucht. Toxiral ritt voran, wie immer aufrecht, als ginge ihn weder Müdigkeit noch Schmerz etwas an.
Balura folgte ihm schweigend.
Doch in ihm arbeitete alles.
Wie sollte man mit Bewusstsein kämpfen?
Er blickte auf seine Hände, die die Zügel hielten. Hände, mit denen er ein Schwert führen konnte. Einen Bogen spannen. Einen Schlag abfangen.
Aber wie kämpfte man mit dem, was im Inneren lag?
Seine Gedanken glitten zurück. Zum Palast. Zu den Trainingsstunden. Zu all den kläglichen Versuchen, Magie zu wirken. Zu den Blicken der Lehrer, wenn wieder nichts geschehen war. Zu der Geduld seiner Mutter. Zu Marlons Worten.
Ein Satz hallte in ihm wider.
Das Bewusstsein ist wie ein Labyrinth. Manche finden die Quelle zur Magie, manche nicht. Aber jeder trägt sie irgendwo in sich.
Balura hob den Kopf.
„Meister?“
Toxiral bewegte sich nicht.
„Hm.“
„Wenn das Bewusstsein wie ein Labyrinth ist“, begann Balura langsam, „und jeder irgendwo eine Quelle in sich trägt, versteckt oder nicht versteckt … hat dann jeder die Möglichkeit, sein Bewusstsein so zum Angriff zu formen, wie Ihr es getan habt?“
Toxiral antwortete nicht.
Das Schweigen verunsicherte Balura. Trotzdem ließ er nicht locker.
„Ihr glaubt, ich habe diese Möglichkeit, stimmt’s?“
Wieder schwieg Toxiral.
Erst nach einer Weile sprach er.
Und als er es tat, antwortete er wieder mit einer Frage.
„Was hast du geträumt, Junge?“
Balura spürte, wie Wut in ihm aufstieg.
Warum konnte dieser Mann nicht einmal eine klare Antwort geben?
„Von Drachen“, knurrte er widerwillig.
Toxiral sagte nichts.
Dann nickte er kaum merklich.
„Verstehe.“
Balura riss an Tavons Zügeln. Das Pferd blieb stehen.
„Ich nicht!“, brüllte er.
Seine Stimme hallte über den Weg. Ein paar Vögel stoben aus einem nahen Busch auf.
Balura ballte die Fäuste.
„Ich verstehe es nicht“, wiederholte er leiser, aber nicht weniger wütend.
Toxiral und sein Pferd blieben stehen.
Der alte Krieger drehte sich nicht um.
Eine Weile hörte Balura nur den Wind und Tavons Atem.
Dann sagte Toxiral:
„Deine Begabung scheint Bewusstsein zu sein. Die magische Begabung, wenn man es so ausdrücken möchte.“
Balura starrte auf seine Hände.
Bewusstsein.
Nicht Magie.
Oder doch etwas, das darunterlag?
„Dann sind diese Träume echte Erinnerungen?“, fragte er.
Toxiral schwieg einen Augenblick zu lang.
„Sehr wahrscheinlich.“
Baluras Herz schlug schneller.
„Wessen Erinnerungen?“
„Das weißt du nicht.“
Balura hob den Blick.
Toxiral ritt wieder los.
„Und ich werde es dir nicht vorkauen“, sagte er. „Es ist selten. Sehr selten. Komm.“
Balura blieb noch einen Moment stehen.
Er war aufgewühlt. Verwirrter als zuvor. Toxirals Antwort hatte nichts gelöst. Sie hatte nur eine neue Tür geöffnet.
Irgendetwas stimmte hier nicht.
Er gab Tavon das Zeichen, weiterzugehen.
Danach ritten sie schweigend.
Der Tag zog sich lang. Die Landschaft veränderte sich kaum, und doch fühlte sich alles fremder an als zuvor. Atäerya lag hinter ihnen, weiter mit jeder Stunde. Die Straßen wurden schmaler. Die Felder seltener. Manchmal sah Balura Rauch über einem entfernten Gehöft aufsteigen, doch sie hielten nicht an.
Toxiral sprach kein Wort mehr über Drachen.
Auch nicht über Bewusstsein.
Und Balura fragte nicht.
Nicht, weil er keine Fragen hatte.
Sondern weil er spürte, dass jede Antwort, die Toxiral ihm geben würde, nur eine weitere Frage nach sich zog.
Am Abend schlugen sie schweigend ihr Nachtlager auf.
Balura war müde. Sein Kopf schmerzte noch immer dumpf, und seine Glieder fühlten sich schwer an. Er sammelte Holz, machte Feuer und legte seine Decke aus. Dann stellte er Elyndhaor neben sein Lager.
Als er seinen Mantel abnahm, fiel die Kette darunter hervor.
Der Lunastern.
Er blieb einen Moment daran hängen.
Luna.
Der Gedanke an sie traf ihn weicher als Toxirals Druck, aber tiefer. Er strich mit dem Daumen über das Zeichen, dann schob er es zurück unter die Kleidung.
Toxiral stand ihm bereits gegenüber.
„Ab jetzt trainieren wir jeden Abend Körper und Geist.“
Balura nickte.
Er fragte nicht, ob sie wieder kämpfen würden.
Er wusste es bereits.
Eine Weile standen sie sich gegenüber. Das Feuer knackte zwischen ihnen. Rauch stieg langsam in den dunkler werdenden Himmel. Tavon schnaubte irgendwo hinter Balura.
Er fragte sich, auf welche Art sie diesmal kämpfen würden.
Dann berührte ihn der Druck.
Nicht seine Haut.
Nicht seinen Körper.
Seinen Geist.
Balura sog scharf die Luft ein.
Es war weniger heftig als beim ersten Mal. Oder vielleicht war er nur diesmal darauf vorbereitet. Der Druck legte sich um sein Bewusstsein wie eine fremde Hand, langsam, prüfend, suchend.
Balura dachte an die Erinnerung.
An den violetten Drachen.
An die Drachin.
An die Art, wie sie sich gegen seine Trauer gewappnet hatte.
Nicht mit Kraft.
Mit Liebe.
Mit Erinnerung.
Mit etwas, das ihr gehörte.
Balura biss die Zähne zusammen.
Der Druck wurde stärker.
Er zog sich innerlich zurück. Nicht nach hinten, nicht irgendwohin, denn es gab keinen Ort. Und doch fühlte es sich so an, als müsste er Abstand schaffen. Raum zwischen sich und Toxirals Griff.
Er dachte an den Palast.
An Sonnenlicht auf weißem Stein.
An Lunas Lachen.
An Marlons Hand auf seiner Schulter.
An Oynaras Stimme.
An Jugoras ernsten Blick, hinter dem mehr Sorge lag, als er je aussprach.
Er versuchte daraus eine Mauer zu bauen.
Der Druck tastete daran entlang.
Balura hielt dagegen.
Für einen Augenblick glaubte er, es könnte funktionieren.
Dann huschte etwas durch seine Konzentration.
Schnell.
Gezielt.
Als hätte Toxiral genau gesehen, wo die Fuge lag.
Zwei starke Stöße trafen ihn hintereinander.
Balura keuchte.
Seine Mauer riss.
Der Druck drang tiefer.
Er versuchte, ihn mit Gewalt zurückzudrängen. Für einen kurzen Augenblick gab der Griff nach.
Hoffnung flackerte auf.
Dann kam der Druck stärker zurück.
Balura stöhnte auf.
Schmerz breitete sich von seinem Kopf aus, heiß und pulsierend. Seine Knie wurden weich. Er presste die Augen zusammen, doch das half nicht. Es gab nichts zu sehen, wovor er sich hätte verschließen können.
Alles geschah innen.
Seine Gedanken glitten ihm weg. Jeder Versuch, sich zu konzentrieren, zerbrach, bevor er Form annehmen konnte. Er suchte nach den Erinnerungen, nach Luna, nach dem Palast, nach irgendeinem festen Punkt.
Doch Toxirals Griff war überall.
Balura versuchte zu atmen.
Ein.
Aus.
Halten.
Nicht fallen.
Der Druck wurde schneidend.
Seine Verteidigung brach.
Nicht laut. Nicht mit einem Knall.
Sie gab einfach nach.
Balura schrie.
Der Schmerz fuhr durch seinen ganzen Körper. Er spannte sich an, doch seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Seine Finger krampften sich, seine Beine knickten ein.
Er fiel.
Bevor alles schwarz wurde, hörte er Toxiral fluchen.
Dann verschwand das Feuer.
Der Boden.
Der Schmerz.
Alles wurde dunkel.