Balura stand im Zimmer des Fremden und blickte in den Spiegel.
Das Glas war nicht so klar wie die Spiegel im Palast. Es war leicht wellig, an den Rändern stumpf geworden und warf sein Gesicht ein wenig verzogen zurück. Trotzdem sah er genug.
Sein linkes Auge war tiefblau angeschwollen.
Balura hob die Hand und berührte die Haut darunter mit zwei Fingern. Sofort zuckte er zusammen. Ein stechender Schmerz fuhr durch seine Schläfe, breitete sich bis hinter das Auge aus und ließ ihn für einen Moment die Zähne zusammenbeißen.
Er sah furchtbar aus.
Nicht wie ein Prinz. Nicht wie jemand, der auf eine wichtige Reise geschickt wurde. Eher wie ein Junge, der sich in einer Gasse mit dem falschen Mann angelegt und verloren hatte.
Was im Grunde auch stimmte.
Das Zimmer des Fremden lag im oberen Stock des Wirtshauses. Es war schlicht, aber ordentlich. Ein Bett an der Wand, ein Tisch, zwei Stühle, eine Reisetruhe, eine abgewetzte Tasche in der Ecke und ein kleines Waschbecken, aus dessen Hahn klares Wasser lief. Nicht so sauber, nicht so hell und nicht so fein wie im Palast, aber sauber genug. In Atäerya war fließendes Wasser nichts, worüber man staunte, nicht einmal hier am Rand der Stadt. Und doch fühlte es sich in diesem Zimmer anders an.
Fremder.
Härter.
Endgültiger.
Hinter der Tür stand Marlons Tasche.
Balura wandte den Blick vom Spiegel ab und sah zu ihr hinüber. Für einen Moment wurde der Druck in seiner Brust weniger. Er hatte sie hastig mitgenommen, kurz bevor er losgerannt war. Erst in seinem Zimmer hatte er bemerkt, dass sie magisch vergrößert war. Von außen sah sie aus wie eine gewöhnliche Reisetasche, vielleicht ein wenig hochwertiger gearbeitet, aber innen passte mehr hinein, als möglich sein durfte.
Drei oder vier große Truhen, hatte Balura geschätzt. Vielleicht sogar mehr.
Er hatte seinen Bogen hineingelegt, die Pfeile, Kleidung, einige Bücher, die Tränke, die er vor ein paar Tagen besorgt hatte, und sogar die Zauberbücher, obwohl er selbst keinen einzigen Zauber wirken konnte. Trotzdem hatte er sie eingepackt. Er mochte es, vorbereitet zu sein. Wissen war kein Zauber, aber manchmal kam es ihm wie das Nächstbeste vor.
Marlon hatte nichts Großes daraus gemacht.
Natürlich nicht.
Er hatte die Tasche einfach vorbereitet und ihm gegeben, als wäre es selbstverständlich. Als wäre es keine Art, sich zu verabschieden, ohne die richtigen Worte finden zu müssen.
Balura schluckte.
Unten im Wirtshaus hörte er Stimmen. Gelächter. Das Scharren von Stühlen. Irgendwo wieherte ein Pferd, gedämpft durch die geschlossenen Fensterläden. Schritte gingen über den Flur, entfernten sich wieder. Alles klang nah und zugleich weit weg.
Nicht wie Zuhause.
Der Fremde hatte ihn hier heraufgeschickt.
„Geh rauf, Junge. Ich komme gleich nach. Mein Zimmer ist das erste links. Ich bezahle noch die Zeche.“
Dann war er in Richtung Tresen verschwunden.
Das war nun schon eine ganze Weile her.
Balura stützte beide Hände auf den Rand des Waschbeckens und atmete langsam aus. Sein Auge pochte im Takt seines Herzschlags. Immer wieder sah er die Szene auf der Straße vor sich. Den Schlag. Die Bewegung. Den Moment, in dem er geglaubt hatte, gleich kontern zu können, und dann doch nur Schmerz gespürt hatte.
Was hatte dieser Mann bezwecken wollen?
Ihn prüfen?
Ihn demütigen?
Oder ihm zeigen, dass er außerhalb des Palastes nichts war?
Baluras Finger krampften sich um den Rand des Beckens.
Die Tür sprang auf.
Er fuhr herum.
Der Fremde trat ein und schloss die Tür hinter sich. Auf der Straße hatte er wild gewirkt, fast wie ein herumstreunender Krieger, der zu lange keinen Schlaf und zu viel Wein gehabt hatte. Jetzt, im ruhigen Licht des Zimmers, war etwas anderes an ihm. Er wirkte nicht weniger gefährlich, aber klarer. Wacher. Als hätte er die Rolle, die er draußen gespielt hatte, mit dem Staub von seinen Schultern geklopft.
Sein Blick blieb an Baluras Gesicht hängen.
Nicht spöttisch.
Nicht mitleidig.
Nur prüfend.
„Setz dich“, sagte der Fremde und deutete auf einen der Stühle.
Balura hasste, dass er gehorchte.
Trotzdem setzte er sich.
Der Fremde nahm ihm gegenüber Platz, lehnte sich zurück und betrachtete ihn noch einen Augenblick. Das Schweigen zwischen ihnen wurde so schwer, dass Balura fast lieber wieder geschlagen worden wäre, nur damit etwas geschah.
Dann sagte der Mann: „Du kannst dich nicht selbst heilen, hm?“
Balura spannte den Kiefer an.
„Nein“, sagte er.
Das Wort kam leiser heraus, als er wollte.
Der Fremde nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet.
„Dann lass dir das eine Lehre sein.“ Seine Stimme wurde härter. „Ab jetzt wirst du nicht mehr behandelt wie ein Prinz am Hof. Ab jetzt musst du wachsam sein, als würde es um dein Leben gehen.“
Er beugte sich leicht vor.
„Denn genau das tut es.“
Balura spürte, wie ihm heiß wurde.
Wut stieg in ihm auf, schnell und brennend. Er wollte aufspringen. Ihn anschreien. Ihm sagen, dass er kein Recht hatte, so mit ihm zu sprechen. Dass er nicht irgendein Stalljunge war, den man auf offener Straße niederschlug und dann belehrte.
Aber der Fremde ließ ihm keine Zeit.
„Wobei“, fügte er hinzu und musterte ihn von oben bis unten, „du dich auch nicht gerade wie einer verhältst.“
Balura starrte ihn an.
„Wie bitte?“
„Wie ein Prinz“, sagte der Fremde. „Du hörst zu. Du beobachtest. Du bist verletzt, aber du heulst nicht. Und obwohl du mich am liebsten würgen würdest, sitzt du da und versuchst, dich zu beherrschen.“
Ein kurzes, schiefes Lächeln glitt über sein Gesicht.
„Das ist mehr, als ich von manchen Männern behaupten kann.“
Balura wusste nicht, ob das ein Lob sein sollte oder eine weitere Beleidigung.
Vielleicht beides.
Der Fremde ließ sich schwerer in den Stuhl zurückfallen. Erst jetzt bemerkte Balura die Müdigkeit in seinem Gesicht. Nicht die Müdigkeit eines Mannes, der eine schlechte Nacht gehabt hatte. Etwas Tieferes. Etwas Altes. Seine Augen waren dunkel, fast schwarz, und in ihnen lag eine Schwere, die nicht zu seinem Alter passte.
Er sah aus wie Mitte dreißig.
Aber sein Blick war älter.
Viel älter.
„Mein Name ist Toxiral“, sagte er schließlich. „Und ab heute bin ich dein Meister.“
Das Wort hing zwischen ihnen.
Meister.
Balura spürte, wie sich seine Finger zu Fäusten ballten.
Dieser Mann hatte ihn geschlagen, vor Fremden bloßgestellt, in ein Wirtshaus geführt und redete jetzt, als wäre damit alles entschieden.
Nein.
So einfach nicht.
Balura drängte die Wut hinunter, so tief er konnte, und richtete sich auf. Sein Auge pochte, seine Schläfe brannte, aber er zwang sich, Toxirals Blick standzuhalten.
„Der Kampf war noch nicht beendet“, sagte er. Seine Stimme zitterte kaum. Darauf war er beinahe stolz. „Ich fordere Euch auf, ihn außerhalb der Mauern fortzuführen.“
Toxiral hob beide Hände, als wäre er vollkommen unschuldig.
„Wenn Ihr darauf besteht, Eure Hoheit.“
Das letzte Wort war so spitz gesprochen, dass Balura ihm am liebsten doch noch ein blaues Auge verpasst hätte.
Toxirals Gesicht wurde wieder ernst.
„Aber sei versichert, Junge: Wenn du das wirklich willst, werde ich mich nicht zurückhalten.“
Balura schluckte den Schmerz hinunter. Er wollte nicht zeigen, dass allein das Aufrechtsitzen anstrengend war.
„Einverstanden“, sagte er. „Ihr werdet sehen, dass es diesmal nicht so einfach wird.“
Toxiral sah ihn an.
Einen langen Moment sagte keiner von beiden etwas.
Balura hörte draußen wieder die Pferde. Hufe auf Stein. Stimmen, die durch die Wand drangen. Irgendwo lachte jemand. Dieses Lachen traf ihn härter, als es sollte.
Der Palast war nicht weit entfernt.
Und doch fühlte es sich an, als läge bereits eine ganze Welt zwischen ihm und allem, was er kannte.
Luna.
Marlon.
Elina.
Seine Mutter.
Sein Vater.
Er senkte den Blick auf den Tisch.
So einfach werde ich dich bestimmt nicht Meister nennen, dachte er. Nicht nach einem Schlag auf der Straße. Nicht nach ein paar großen Worten. Nicht so.
Seine Wut ebbte nicht ab, aber sie wurde klarer. Weniger Feuer, mehr Klinge.
Er atmete ein.
Toxiral war eindeutig ein Krieger. Das wusste Balura nun. Aber er war auch ein Magier. Die Art, wie er sich bewegt hatte, die Schnelligkeit, die Kontrolle, die Selbstverständlichkeit, mit der er Magie mitten auf der Straße genutzt hatte, ohne auch nur einen Moment unsicher zu wirken.
Sein Vater hatte diesen Mann ausgesucht.
Jugora tat nichts ohne Grund.
Auch wenn Balura diesen Grund noch nicht erkannte.
Dann wenigstens Antworten, sagte er sich.
Er hob den Blick wieder.
„Warum Ihr?“, fragte er. „Und warum allein? Ist das nicht zu gefährlich?“
Toxiral lachte leise.
„Ich glaube, du unterschätzt dieses Wort.“
„Welches?“
„Gefährlich.“
Balura runzelte die Stirn.
Toxiral stand auf und ging zum Fenster. Er schob den Vorhang ein Stück zur Seite und blickte hinaus auf die Straße. Das Licht fiel schräg auf sein Gesicht und machte die Linien darin härter.
„Natürlich tust du das“, sagte er. „Du bist hinter Mauern aufgewachsen, die älter sind als manche Königreiche. Unter Schutzzaubern, die mehr können, als die meisten Menschen je begreifen werden. Du kennst Gefahr als Nachricht. Als Warnung. Als Bericht, der in den Thronsaal getragen wird.“
Er drehte den Kopf leicht.
„Da draußen ist Gefahr etwas anderes.“
Balura sagte nichts.
Toxiral sah wieder hinaus.
„Die Orks sind nicht gefährlich. Nicht für uns.“
Balura richtete sich auf.
„Nicht gefährlich? Rentoka ist gefallen.“
„Rentoka ist der Anfang“, sagte Toxiral. „Nicht das Ende.“
Die Worte krochen kalt durch den Raum.
Baluras Wut wurde kleiner.
Seine Neugier stärker.
„Was meint Ihr damit?“
Toxiral ließ den Vorhang los. Der Stoff fiel zurück, aber er blieb am Fenster stehen.
„Unter den Orks in Rentoka gibt es Feinde, vor denen du dich fernhalten wirst. Echsenkrieger. Kreaturen aus dem Schreckenswald. Stark, schnell, schwer zu töten und gefährlicher, als ein Junge mit einem blauen Auge im Moment verstehen kann.“
Baluras Herz schlug schneller.
Echsenkrieger.
Er hatte von seltsamen Dingen gehört, die aus dem Schreckenswald kamen. Von verdorbenen Bestien, von Schatten, von Missgeburten alter Magie. Aber Echsenkrieger klang anders. Geordneter. Absichtlicher.
„Wer führt sie an?“, fragte Balura. „Wer schickt sie aus dem Schreckenswald?“
Toxiral antwortete nicht sofort.
Und genau dieses Schweigen ließ Baluras Magen enger werden.
Er dachte an Geschichten aus der Bibliothek. An alte Zeichnungen.
„Ist es der Schwarze Schrecken?“
Der Name veränderte den Raum.
Nicht sichtbar. Nicht laut.
Aber Balura spürte es.
Toxiral wandte sich langsam vom Fenster ab. Für einen Augenblick lag etwas in seinem Blick, das Balura nicht deuten konnte. Schmerz vielleicht. Oder Erinnerung. Oder etwas, das beides zugleich war.
„Nein“, sagte Toxiral.
Leise.
Zu leise.
Dann räusperte er sich und seine Stimme wurde wieder fester.
„Der Schwarze Schrecken ist vernichtet. Und wenn diese Welt Glück hat, bleibt er es.“
Balura atmete flacher.
Toxiral sah wieder zum Fenster hinaus, als könnte er durch Mauern, Straßen und Reiche hindurch bis zum Schreckenswald blicken.
„Aber was er zurückließ, ist nicht tot. Der Schreckenswald gebiert noch immer Dinge, die aus Hass, Blut und alter Gewalt entstanden sind. Manche Kreaturen wandern nur. Manche jagen. Andere folgen einem Willen.“
„Wessen Willen?“
Toxiral schwieg.
Balura verstand.
Keine Antwort.
Noch nicht.
„Wir müssen ohnehin erst einmal nur an Rentoka vorbei“, sagte Toxiral schließlich. „Der Orkprinz hält sich nicht mehr im Land auf.“
Balura erstarrte.
Für einen Moment verdrängte diese eine Aussage alles andere. Den Schmerz. Die Wut. Den Schreckenswald.
„Du weist, wo er ist?“
Er sprang auf, zu schnell.
Sofort hämmerte Schmerz durch seinen Schädel. Das Zimmer kippte einen halben Atemzug lang zur Seite. Balura griff sich ans Gesicht und sank wieder auf den Stuhl.
Toxiral drehte sich langsam zu ihm um.
„Meister“, sagte er.
Balura blinzelte gegen den Schmerz an.
„Was?“
„Ich bin dein Meister, Junge. Sprich mich gefälligst respektvoll an.“
Balura knirschte mit den Zähnen.
In seinem Kopf formte sich eine Antwort, die seine Mutter ihm niemals hätte durchgehen lassen.
Du alter Sack, diesen Titel bekommst du erst nach unserem Duell. Wenn überhaupt.
Laut sagte er: „Diesen Titel musst du dir erst verdienen.“
Toxiral starrte ihn an.
Dann brach er in lautes Gelächter aus.
Es kam so plötzlich, dass Balura zusammenzuckte. Toxiral lachte tief und rau, schlug sich mit der Hand gegen den Oberschenkel und schüttelte den Kopf, als hätte Balura ihm gerade den besten Witz erzählt, den er seit Jahren gehört hatte.
Dann verstummte er ebenso schnell wieder.
Sein Blick wurde ernst.
„Also gut, Junge“, sagte er. „Du wirst schon sehen.“
Balura erwiderte nichts.
Toxiral trat vom Fenster zurück und legte eine Hand auf die Lehne des zweiten Stuhls.
„Zu deiner Frage: Logtar befindet sich in Rahgor. Im Orkreich nördlich von Rentoka.“
Rahgor.
Balura kannte den Namen. Kalt, rau, bergig. Ein Land nördlich der gefallenen Grenze. Nicht sicher, aber nicht Rentoka. Nicht das Herz des Zusammenbruchs.
Langsam ließ er die Hand von seinem Gesicht sinken.
Zum ersten Mal seit dem Schlag auf der Straße fühlte er etwas anderes als Wut.
Erleichterung.
Nicht viel.
Nicht genug, um die Angst zu vertreiben.
Aber genug, um wieder atmen zu können.
Logtar war nicht verschwunden.
Es gab einen Ort.
Eine Richtung.
Balura senkte den Blick auf die Tischplatte. Das Holz war zerkratzt, von alten Messern, Krügen und Händen gezeichnet. Er legte die Finger darauf und spürte die Kerben unter seiner Haut.
Ein Ziel.
Keine Suche.
Doch noch während dieser Gedanke ihn festigte, schob sich ein anderer darunter.
Wenn mein Vater wusste, dass Logtar in Rahgor ist, warum hat er es mir nicht gesagt?
Balura hob langsam den Blick.
Toxiral sah ihn an, als hätte er genau diesen Gedanken erwartet.