Der Erste Wächter · Band 1

Kapitel 6

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Balura atmete schneller, als er wollte.

Er hastete durch die Straßen von Atäerya, vorbei an Mauern aus hellem Stein, an geöffneten Fensterläden, an Händlern, die ihre Waren noch immer ausriefen, obwohl ihre Stimmen heute angespannter klangen als sonst. Der Lunastern, den Luna ihm geschenkt hatte, sprang bei jedem Schritt gegen seine Brust. Immer wieder spürte er das kleine, harte Gewicht unter dem Stoff seines Hemdes.

Hin und her.

Hin und her.

Als wollte Luna ihn daran erinnern, dass sie noch immer bei ihm war.

Oder daran, dass er sie zurückließ.

Balura presste die Lippen zusammen und beschleunigte seine Schritte. Dafür war jetzt keine Zeit. Nicht für diesen Gedanken. Nicht für das Ziehen in seiner Brust. Nicht für den Abschied, der ihm noch immer wie ein Stein im Magen lag.

Er musste zum Nordtor.

Oder genauer: zu der Schenke in der Nähe des Nordtors, in der er seinen Lehrmeister treffen sollte. Vor dem Mittag, hatte sein Vater gesagt. Vor dem Mittag. Und je weiter Balura kam, desto stärker nagte der Gedanke an ihm, dass er vielleicht schon zu spät war.

Dabei war es nicht allein die Eile, die ihn unruhig machte.

Der Traum hing noch immer an ihm.

Nicht wie ein Bild, das man nach dem Erwachen langsam verlor, sondern wie etwas, das in seinem Körper zurückgeblieben war. Wind unter gewaltigen Schwingen. Zorn, der nicht seiner gewesen war. Schuppen. Blut.

Vor allem Blut.

Balura schluckte hart.

Verdammter Fiebertraum.

Was sollte das ausgerechnet heute?

Er versuchte, den Geschmack aus seinem Mund zu verdrängen, doch jedes Mal, wenn er mit der Zunge über seine Lippen fuhr, meinte er ihn wieder zu spüren. Metallisch. Warm. Falsch.

Er schüttelte den Kopf, als könnte er die Erinnerung damit abschütteln.

Die Straßen wurden voller, je näher er dem Nordviertel kam. Doch es war nicht das gewöhnliche Gedränge eines geschäftigen Tages. Die Menschen standen dichter beisammen, flüsterten, zeigten auf Blätter, die frisch verteilt worden waren. Vor einem Zeitungsstand hatte sich eine kleine Menge gebildet. Ein Junge hielt ein Blatt hoch und rief mit heller, überschlagender Stimme:

„Beunruhigende Nachrichten aus dem Norden! Neue Meldungen aus Haptor! Weitere Unruhen an den Grenzen!“

Balura verlangsamte unwillkürlich den Schritt.

Haptor.

Norden.

Rentoka.

Ein älterer Mann riss dem Jungen beinahe die Zeitung aus der Hand und überflog die erste Zeile. Sein Gesicht wurde blass. Eine Frau neben ihm hielt sich die Hand vor den Mund. Zwei Soldaten eilten an der Menge vorbei, ohne stehen zu bleiben. Weiter vorn formierte sich eine kleine Truppe vor einem Wachhaus. Helme wurden aufgesetzt, Riemen festgezogen, kurze Befehle gewechselt.

Aber heute fühlte es sich nicht wie Stärke an.

Heute fühlte es sich an wie Sorge.

Balura wollte wissen, was auf dem Blatt stand. Er wollte stehen bleiben, lesen, verstehen, was inzwischen geschehen war. Aber er hatte keine Zeit.

Noch zweihundert Schritt, schätzte er.

Vielleicht weniger.

Der Lunastern schlug erneut gegen seine Brust.

Hoffentlich ist er noch da.

Er bog in eine schmalere Straße ein, in der die Häuser enger aneinanderrückten. Der Geruch von frischem Brot mischte sich mit nassem Stein, Pferdeschweiß und kaltem Rauch. Irgendwo schlug eine Tür zu. Jemand lachte kurz, doch das Lachen brach viel zu schnell wieder ab.

Balura nahm die nächste Ecke zu hastig.

Und prallte gegen etwas Hartes.

Nein.

Gegen jemanden.

Der Aufprall riss ihm den Atem aus der Brust. Für einen Herzschlag sah er nur dunklen Stoff, eine fremde Bewegung, ein Gesicht, das er nicht richtig erfassen konnte. Dann verlor er den Halt. Seine Stiefel rutschten über das Pflaster, sein Arm griff ins Leere, und er taumelte rückwärts.

Er fiel hart zu Boden.

Schmerz fuhr ihm durch Rücken und Hüfte. Einen Moment blieb ihm die Luft weg.

„Entschuldigung“, brachte er hervor und rappelte sich hastig auf. „Ich habe Euch nicht gesehen. Ist alles in Ordnung?“

Er hob den Blick.

Dunkle Augen starrten auf ihn hinab.

Nicht erschrocken. Nicht verletzt.

Wütend.

Der Mann war nicht besonders groß, auch nicht so breit, wie der Aufprall sich angefühlt hatte. Seine Kleidung wirkte fremd, aus dunklem, grobem Stoff, an einigen Stellen mit Leder verstärkt. Nichts daran erinnerte an die Gewänder Atäeryas. Vielleicht ein Händler auf der Durchreise. Vielleicht ein Reisender aus einem der nördlichen Reiche.

Doch irgendetwas an ihm passte nicht.

„He“, knurrte der Fremde.

Balura hob beschwichtigend die Hände. „Bitte verzeiht mir. Ich hatte es eilig.“

Er wollte an ihm vorbei. Er hatte wirklich keine Zeit für Streit. Nicht jetzt. Nicht heute.

Der Mann trat jedoch einen halben Schritt zur Seite und versperrte ihm den Weg.

„Du Bengel wolltest mich beklauen“, rief er laut.

Einige Köpfe wandten sich ihnen zu.

Balura blinzelte. „Was? Nein. Ich habe nichts—“

„Lüg nicht.“

Schon blieben die ersten Menschen stehen. Ein Händler legte den Kopf schief. Zwei Frauen unterbrachen ihr Gespräch. Von irgendwoher kam ein leises Murmeln.

Balura spürte, wie Hitze in sein Gesicht stieg.

Nicht aus Scham allein.

Aus Ärger.

„Ich habe Euch angerempelt“, sagte er, so ruhig er konnte. „Das war mein Fehler. Aber ich habe nichts gestohlen.“

Der Fremde lächelte.

Es war kein freundliches Lächeln.

„Na warte“, sagte er. „Dafür holst du dir jetzt eine Tracht Prügel ab.“

Balura spannte sich an.

Der Mann bewegte sich.

Viel zu schnell.

Balura sah die Schulter zucken, sah den rechten Arm kommen, versuchte noch auszuweichen…aber sein Körper reagierte einen Augenblick zu spät.

Die Faust traf ihn im Gesicht.

Nicht wild. Nicht unkontrolliert.

Präzise.

Hart genug, dass über seinen Augen, eine Wunde aufplatzte.

Balura wurde von den Füßen gerissen und nach hinten geschleudert. Er prallte rücklings gegen einen Obststand. Holz knarrte, Äpfel rollten über das Pflaster, irgendwo schrie jemand auf. Ein stechender Schmerz zog durch seine Wange, sein Auge begann sofort zu pochen.

Für einen Moment hörte er nichts außer seinem eigenen Atem.

Dann kam das Murmeln der Menge zurück.

Lauter.

Näher.

Balura presste eine Hand an sein Gesicht. Warmes Blut klebte an seinen Fingern.

Sein Blut.

Nicht das aus dem Traum.

Seins.

Wut stieg in ihm auf.

Warum?

Er hatte den Mann angerempelt, ja. Aber er hatte sich entschuldigt. Der Fremde war nicht verletzt. Er hatte nur einen Vorwand gesucht.

Balura stützte sich am zerbrochenen Rand des Obststandes ab und kam mühsam auf die Beine. Sein Schwert schabte über den Stein, als er sich aufrichtete.

Das Schwert.

Für einen flackernden Moment glitten seine Finger in Richtung Griff.

Vielleicht sollte er…

Nein.

Balura hielt inne.

Der Mann hatte keine Waffe gezogen.

Er wollte sich prügeln. Er wollte ihn reizen. Ihn dazu bringen, etwas Dummes zu tun.

Balura zwang seine Hand vom Griff weg.

Sein Gesicht brannte. Sein Auge pochte. Der Schlag war nicht einfach stark gewesen. Er war zu schnell gewesen. Zu genau. Dieser Mann war mehr als nur ein wütender Händler.

Was ist das für ein Bär?

Der Fremde lachte leise.

„Du bist hart im Nehmen“, sagte er. Seine Stimme trug weit genug, dass die Umstehenden ihn hören konnten. „Und sogar noch bereit zu kämpfen.“

Balura biss die Zähne zusammen.

Erst der Traum. Jetzt das.

Scheiterte er wirklich schon an der ersten Begegnung außerhalb der Palastmauern? War das die Welt, die er hatte sehen wollen? Ein paar Straßen vom Zuhause entfernt, und schon lag er blutend zwischen zerbrochenem Obst?

Wut kochte in ihm.

Nicht heiß und grell.

Tiefer.

Schwerer.

Für einen Moment schmeckte er wieder Blut, und etwas in seiner Brust zog sich zusammen, als würde eine fremde Erinnerung gegen eine verschlossene Tür schlagen.

Balura hob den Blick.

Der Fremde grinste.

Immer mehr Menschen blieben stehen. Die Menge bildete einen unruhigen Halbkreis. Einige tuschelten, andere wirkten erschrocken. Aus der Richtung des Wachhauses kamen nun zwei Wachsoldaten heran, eine Hand bereits an der Waffe, die andere beschwichtigend erhoben.

„Genug“, rief einer von ihnen. „Auseinander!“

Der Fremde drehte den Kopf nur leicht.

Balura spürte etwas.

Er konnte nicht sagen, was es war. Kein Geräusch. Kein sichtbarer Zauber. Eher ein Druck in der Luft, als hätte jemand einen unsichtbaren Faden gespannt.

Der Fremde hob die Hand.

Seine Finger bewegten sich von der Brust nach außen, als werfe er etwas fort. Dabei sprach er ein Wort, das Balura nicht verstand.

Eine leuchtende Kugel löste sich aus seiner Handfläche und flog auf die Wachen zu.

Baluras Herz setzte aus.

„Passt auf!“, wollte er schreien. „Weg da!“

Doch seine Stimme kam zu spät.

Die Kugel war schneller.

Kurz bevor sie die Wachsoldaten erreichte, spaltete sie sich in mehrere Lichtfäden. Sie schlugen nicht ein. Sie zerplatzten auch nicht. Stattdessen zogen sie einen Kreis über das Pflaster, hell und scharf, und schlossen sich um Balura und den Fremden.

Die Menge stieß erschrockene Rufe aus.

Einige traten zurück. Eine Frau zog ein Kind an sich. Die Wachen blieben abrupt stehen, die Gesichter angespannt.

Balura sah auf den leuchtenden Kreis hinab.

Magie.

Mitten auf der Straße.

Mitten in Atäerya.

Der Fremde lachte.

„Vorbei!“

Balura keuchte. „Vorbei?“

„Ja“, sagte der Mann und hob beide Hände, als wäre er ein Schauspieler auf einer Bühne. „Vorbei.“

Er wurde lauter und wandte sich mit einem breiten Lächeln der Menge zu.

„Hört her, gutes Volk von Atäerya! Kein Grund zur Sorge. Mein Schüler hat noch viel zu lernen, aber die Prüfung ist beendet.“

Balura starrte ihn an.

Mein Schüler?

Was redete dieser Mann da?

Ein Raunen ging durch die Menge.

„Eine Prüfung?“, murmelte jemand.

„Ach so“, sagte ein anderer erleichtert. „Das war nur eine Prüfung.“

„Bei Aelion, ich dachte schon …“

Die Spannung löste sich nicht sofort, aber sie veränderte sich. Aus Angst wurde Unsicherheit. Aus Unsicherheit wurde Neugier. Einige lachten verlegen. Einer klatschte sogar, dann noch jemand, halb zögerlich, halb erleichtert. Der Fremde nahm es mit einer leichten Verbeugung entgegen, als hätte er genau diese Reaktion erwartet.

Balura stand noch immer im Kreis und verstand nichts.

Der Fremde senkte die Hand. Das Licht auf dem Pflaster flackerte, wurde dünner und verschwand schließlich ganz, als wäre es nie da gewesen.

Dann kam er langsam auf Balura zu und hielt ihm die Hand hin.

„Komm“, sagte er leiser. „Lass es mich dir im Wirtshaus erklären.“

Balura sah auf die ausgestreckte Hand.

Dann auf das Gesicht des Mannes.

Dann wieder auf die Hand.

Sein Kopf pochte. Seine Wange brannte. Blut klebte an seinen Fingern. Die Menge löste sich bereits auf, erleichtert, enttäuscht oder kopfschüttelnd. Nur die Wachen blieben noch einen Augenblick stehen und beobachteten den Fremden mit deutlich weniger Vertrauen als die übrigen Leute.

Balura nahm die Hand nicht sofort.

„Wer seid Ihr?“, fragte er.

Der Mann musterte ihn. Das Grinsen war schmaler geworden, aber es war noch da.

„Jemand, der auf dich wartet.“

Balura wurde kalt.

Der Lehrmeister.

Er hatte ihn gefunden.

Oder nein.

Balura sah sich um, sah die zerstreuten Äpfel, die zurückweichenden Menschen, die Wachen, den Fleck Blut auf seinen Fingern.

Vielleicht hatte er ihn schon gefunden, bevor Balura überhaupt um die Ecke gebogen war.

„Junge“, sagte der Mann und deutete mit dem Kinn auf ihn, „du hast noch viel zu lernen.“

Balura merkte erst jetzt, dass er noch immer in Kampfhaltung stand. Die Knie leicht gebeugt. Die Schultern angespannt. Eine Hand halb erhoben, die andere zu nah am Schwert.

Langsam richtete er sich auf.

Sein neuer Lehrmeister nickte, als hätte allein das bereits irgendeine Antwort gegeben.

„Du bist spät“, sagte er. „Lass uns ins Wirtshaus gehen. Ich hole meine Sachen. Danach reden wir.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und setzte sich in Bewegung.

Balura blieb einen Atemzug lang stehen.

Alles in ihm war durcheinander.

Der Traum. Das Blut. Der Schlag. Die Magie. Die Menge. Dieser Mann.

Der Lunastern hing kalt auf seiner Brust.

Balura schloss kurz die Finger darum.

Dann atmete er aus, wischte sich das Blut vom Gesicht und folgte dem Seltsamen Fremden.