Balura beeilte sich durch die Korridore des Palastes.
Seine Schritte hallten über den Steinboden, schneller, als es sich für einen Prinzen gehörte. Das Schwert mit dem violetten Edelstein schlug bei jedem eiligen Schritt gegen seine Hüfte, während er an Wandteppichen, hohen Fenstern und Dienern vorbeihuschte, die ihm gerade noch rechtzeitig aus dem Weg traten.
Er war spät.
Viel zu spät.
Was ist heute Nacht passiert?
Der Gedanke ließ ihn nicht los. Er hatte verschlafen. Nicht nur ein wenig. Als er aufgewacht war, stand die Sonne bereits hoch, sein Hemd klebte schweißnass an seinem Rücken, und für einen Moment hatte er nicht einmal gewusst, wo er war.
Nur der Traum war geblieben.
Nein. Nicht Traum.
Etwas in ihm sträubte sich gegen dieses Wort.
Es war zu klar gewesen. Zu schwer. Zu wirklich.
Balura bog um eine Ecke, doch noch während er weiterlief, zog ihn die Erinnerung wieder zurück.
Die Luft peitschte an seinem Kopf vorbei.
Sie hätte ihm die Augen tränen lassen müssen. Hätte ihm den Atem aus der Brust reißen müssen. Doch der Wind kümmerte ihn nicht. Er rauschte an ihm vorbei, wild und schneidend, und trotzdem fühlte er sich darin nicht verloren.
Er gehörte dorthin.
Ein Blick nach unten offenbarte ihm die Welt tief unter sich. Wälder, Täler und Felsen lagen weit entfernt, als hätte jemand sie auf eine Landkarte gemalt. Er war hoch über dem Boden. Viel zu hoch für einen Menschen.
Und er flog.
Baluras Herz stockte.
Nein.
Nicht er.
Etwas flog. Etwas Gewaltiges.
Er hob den Kopf, und für einen schrecklichen Augenblick begriff er, dass der Körper unter ihm nicht seiner war. Keine Arme. Keine Hände. Kein menschlicher Leib.
Schuppen spannten sich über mächtige Muskeln. Gewaltige Schwingen trugen ihn durch den Himmel. Jeder Schlag presste die Luft unter ihm zusammen und trieb ihn weiter voran, schneller, stärker, höher.
Ein Drache.
Er sah aus den Augen eines Drachen.
Doch das Staunen gehörte nur Balura. Der Körper, in dem er gefangen war, staunte nicht. Dieses Wesen kannte den Himmel. Es kannte seine Kraft. Es kannte den Krieg.
Und es hatte ein Ziel.
Rache.
Ein Brüllen zerriss die Luft.
Es rollte über das Tal, prallte gegen die Felsen und kehrte als dumpfes Grollen zurück. Balura wollte zusammenzucken, doch der fremde Körper tat es nicht. Stattdessen wandte er den Kopf, instinktiv, sicher, als hätte er den Ursprung des Brüllens längst gespürt.
Rechts von ihm tauchten zwei Gestalten im Himmel auf.
Drachen.
Der eine war größer, schwerer, mit schmutzig braunen Schuppen, als hätte Erde und Ruß sich in sein Fleisch gefressen. Der andere war kleiner, doch schöner. Seine Schuppen funkelten orange im Licht, wie Glut unter dünnem Metall.
Hochdrachen.
Wie er.
Groß. Mächtig. Alt in ihrer Art.
Und doch kleiner.
Schwächer.
Eine Wut bäumte sich in ihm auf, so plötzlich und so heiß, dass Balura innerlich zurückwich.
Verräter.
Das Wort drang durch sein Bewusstsein, aber es gehörte nicht ihm. Es war kein Gedanke, den er gewählt hatte. Es war ein Urteil. Alt, hart und voller Hass.
Mordlust überkam ihn.
Balura wollte sich dagegenstemmen, wollte schreien, wollte sich aus diesem fremden Leib reißen, doch der Drache setzte mehr Kraft in seine Schwingen. Sein Körper spannte sich an, gewaltig und sicher. Jeder Muskel wusste, was zu tun war.
Da war noch mehr.
Viel mehr.
Eine Wärme sammelte sich tief in seinem Inneren. Sie kroch durch Brust, Hals und Glieder, füllte Knochen, Fleisch und Schuppen. Dann brach sie hervor.
Der Drache brüllte.
Nicht vor Schmerz. Vor Zorn.
Seine Geschwindigkeit nahm zu. Er zog den mächtigen Leib nach oben, gewann Höhe und ließ die beiden Gegner unter sich kleiner werden.
Sie waren jung.
Jünger als er.
Er hatte viele wie sie gesehen. Viele dieser Verräter. Manche hatte er überzeugt. Manche auf seine Seite geholt. Andere hatte er überlisten müssen. Und einige hatte er getötet, weil Worte nicht ausgereicht hatten.
Hier würden Worte nicht helfen.
Nicht mehr.
Er ging in den Sturzflug.
Die Luft riss an seinen Schwingen, doch er hielt sie eng genug, um schneller zu werden. Seine Flammen würden ihm nichts nützen. Nicht gegen diese Schutzmagie. Die beiden hatten ihre Körper mit Wällen aus Kraft umgeben, unsichtbar, aber spürbar. Feuer würde daran zerbrechen und ihn nur schwächen.
Und er war tief in Feindesland.
Er durfte seine Kräfte nicht verschwenden.
Balura spürte diese Gedanken, als wären sie seine eigenen, und doch waren sie es nicht. Sie kamen zu klar. Zu kalt. Zu erfahren.
Der größere Drache stellte sich ihm entgegen. Der orangefarbene löste sich ein Stück zur Seite, bereit, ihn nach dem ersten Aufprall abzufangen.
Der fremde Drache erkannte die Absicht sofort.
Verachtung glitt durch ihn.
Ihr unterschätzt mich.
Ein Laut entrang sich seiner Kehle, halb Brüllen, halb höhnisches Lachen.
„Du wirst sehen, was geschieht, wenn du mich unterschätzt.“
Der größere Drache riss das Maul auf und stieg ihm entgegen.
Zu langsam.
Die Wärme in seinem Inneren wurde stärker. Nicht Feuer. Nicht nur. Etwas Tieferes. Eine Quelle, die durch ihn hindurchging und seinem Körper gehorchte.
Er spannte die Muskeln.
Spreizte die Klauen.
Dann prallte er auf den braunen Drachen.
Der Aufschrei seines Gegners zerschnitt den Himmel, als seine Hinterklauen tief in dessen Brustkorb fuhren. Knochen gaben nach. Fleisch riss. Der fremde Körper unter Baluras Bewusstsein wusste genau, wo er greifen musste.
Balura wollte wegsehen.
Er konnte nicht.
Der Drache wandte den Hals und schlug seine Zähne in den Nacken des Verräters. Blut füllte sein Maul, heiß und metallisch. Der braune Drache wand sich unter ihm, kratzte mit den Klauen nach seinen Schuppen, presste mit den Vorderbeinen gegen ihn und schlug mit dem Schwanz nach seinem Rücken.
Der Schlag traf.
Schmerz fuhr durch den fremden Leib.
Doch der Drache ließ nicht los.
Der orangefarbene kam bereits heran. Schnell. Verzweifelt. Er wollte seinem Gefährten helfen.
Zu spät.
Die Wärme in seinem Inneren schwoll an. Er legte sie in seinen Biss, in seinen Kiefer, in die grausame Kraft seines Halses.
Dann riss er.
Der Körper des braunen Drachen erschlaffte unter ihm.
Blut lief über seine Zunge, aus seinem Maul, über die Schuppen seines Halses. Gleichzeitig stieß er sich mit den Klauen vom zerfetzten Brustkorb seines Gegners ab und schleuderte den sterbenden Leib von sich fort.
Der orangefarbene Drache war fast bei ihm.
Doch er hatte nicht mit der Schnelligkeit gerechnet. Nicht mit der Erfahrung. Nicht mit der Kriegskunst eines Wesens, das diesen Kampf schon zu oft geführt hatte.
Der fremde Drache wandte sich ihm zu.
Und griff nicht mit Feuer an.
Sondern mit Bewusstsein.
Balura spürte, wie sich etwas Gewaltiges in ihm öffnete. Kein Zauberwort. Keine sichtbare Flamme. Nur Wille. Schmerz. Zorn.
Und Trauer.
Ja.
Für einen winzigen Moment war dort Trauer.
Nicht weich. Nicht verzeihend. Aber echt.
Die Trauer darüber, dass auch dieser Drache sterben musste.
Dann schleuderte er alles nach vorn.
Qual. Schmerz. Hass. Verlust. Die ganze Last eines uralten Krieges.
Die beiden Bewusstseine prallten aufeinander.
Der orangefarbene Drache zuckte mitten im Flug. Sein Blick brach für einen Augenblick. Seine Schwingen verloren den Takt.
Und in diesem Moment riss der Traum ab.
Balura stolperte beinahe.
Der Korridor war wieder da.
Stein unter seinen Füßen. Licht durch hohe Fenster. Stimmen irgendwo hinter einer Tür. Sein eigener Atem, viel zu schnell.
Er blieb nicht stehen.
So real.
Seine Finger lagen am Griff seines Schwertes, obwohl er nicht wusste, wann er danach gegriffen hatte. In seinem Mund glaubte er noch immer Blut zu schmecken.
So viel Zorn. So viel Schmerz.
Was war das gewesen?
Ein Traum bestimmt nicht.
Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Nicht jetzt. Er war ohnehin schon viel zu spät. Eigentlich hätte er längst auf dem Weg sein sollen. Stattdessen war er erst vor kurzer Zeit aus diesem schweißnassen Schlaf gerissen worden, benommen, verwirrt, als hätte ein Teil von ihm noch immer nicht in seinen Körper zurückgefunden.
Wut stieg in ihm auf. Nicht die fremde, brennende Wut des Drachen, sondern seine eigene. Junge, hilflose Wut.
Ausgerechnet heute.
Ausgerechnet jetzt.
Er suchte zuerst seine Mutter, fand sie aber nicht in ihren gemeinsamen Gemächern mit dem König. Stattdessen begegnete er Marlon in einem kleinen Genesungsgemach nahe dem Heiltrakt. Sein Bruder saß auf einem breiten gepolsterten Stuhl am Fenster. Die verletzten Beine ruhten auf einem Schemel, noch immer verbunden, doch sein Blick war wach und härter als sonst.
„Sie ist in ihren Arbeitsgemächern“, sagte Marlon, nachdem Balura gefragt hatte.
Balura wollte sich schon abwenden, doch Marlon packte ihn am Ärmel.
„Hey.“
Balura sah zu ihm zurück.
Marlon hielt ihn fest. Nicht stark genug, um ihn wirklich aufzuhalten, aber fest genug, dass Balura stehen blieb.
„Wehe, du kommst nicht mit dem Orkprinzen zurück.“
Balura schwieg.
Marlon war ernst. Nicht spöttisch, nicht gelangweilt, nicht überheblich. Ernst. Und das passte so wenig zu ihm, dass Balura für einen Moment nicht wusste, was er sagen sollte.
Marlons Griff wurde fester.
„Wenn du Arsch wegen so einer Reise draufgehst, dann werde ich König.“ Seine Stimme wurde lauter, fast ein Brüllen. „Und das willst du doch nicht. Also komm zurück.“
Balura spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog.
Marlon drehte den Kopf weg, als hätte er selbst gemerkt, dass er zu viel gesagt hatte. Dann ließ er Baluras Ärmel los und hielt ihm mit der anderen Hand eine Tasche hin.
„Hier. Für deine Reise.“
Balura nahm sie zögernd entgegen. „Wozu brauche ich noch eine Tasche? Ich habe bereits eine.“
„Die ist magisch“, murmelte Marlon.
Balura sah auf die Tasche hinab. Sie wirkte auf den ersten Blick schlicht, aus dunklem Leder gefertigt und mit feinen Nähten versehen, die im Licht kaum sichtbar schimmerten.
„Woher hast du die?“
„Von einem Händler in der Stadt.“ Marlon zuckte mit den Schultern, als wäre es nichts. „Frag nicht. Nimm sie einfach.“
Balura wollte etwas sagen. Etwas Richtiges. Etwas, das nicht zu klein klang für diesen Moment.
Doch sein Atem war noch immer unruhig, der Traum klebte an ihm, und die Zeit lief ihm davon.
Nicht jetzt.
Auf der Reise würde er genug Gelegenheit haben, sich die Tasche genauer anzusehen.
Also nickte er nur.
„Danke.“
Marlon sah ihn nicht an. „Komm einfach zurück.“
Balura hielt die Tasche fest an sich und ging weiter.
Wenig später stand er vor der Tür zu den Arbeitsgemächern seiner Mutter.
Er atmete einmal tief durch, hob die Hand und klopfte. Dann öffnete er vorsichtig.
Der Raum dahinter war groß und hoch gewölbt. Regale bedeckten fast jede Wand, gefüllt mit Büchern, Schriftrollen, Kästen, Gläsern und Dingen, deren Zweck Balura nicht einmal erraten konnte. Seine Mutter teilte sich zwar Gemächer mit dem König, doch als Königin und Anführerin der Magier von Atäerya besaß sie eigene Räume. Räume, in denen sie nicht Mutter, Königin oder Ehefrau war, sondern Magierin.
Baluras Blick glitt an einem langen Bücherregal entlang, vorbei an schmalen Türen, die in weitere Lager und Kammern führten. Am Ende des Raumes entdeckte er eine Luke im Boden. Eine Leiter führte hinab.
„Mutter?“, rief er. „Bist du hier unten?“
Einen Moment blieb es still.
Dann kam ihre Stimme aus der Tiefe.
„Balura? Komm herunter.“
Er stieg die Leiter hinab.
Unten war es kühler. Die Luft roch nach Stein, Metall und etwas Kräuterartigem, das er nicht benennen konnte. Als sich seine Augen an das Dunkel gewöhnten, erkannte er einen langen, beinahe leeren Gang. Am Ende stand seine Mutter.
Rechts von ihr fiel Licht aus einem seitlichen Korridor und legte eine Hälfte ihres Körpers in warmen Schein, während die andere im Schatten blieb. Für einen Augenblick sah sie nicht nur aus wie seine Mutter, sondern wie jemand, der an einem Ort stand, an dem alte Dinge aufbewahrt wurden.
„Du bist spät“, sagte sie.
Nicht anklagend. Nicht streng.
Sorgend.
Warm, wie sie immer war.
„Ja, ich …“ Balura stockte.
Sollte er ihr von dem Traum erzählen?
Von dem Flug? Dem Blut? Dem fremden Zorn?
Nicht jetzt.
Nicht hier.
„Ich weiß auch nicht“, sagte er schließlich. „Ich bin einfach nicht aufgewacht. Vielleicht ein Fiebertraum.“
Es war nicht gelogen.
Aber auch nicht die ganze Wahrheit.
Der Blick seiner Mutter wurde sorgenvoller. Für einen Moment glaubte Balura, sie würde nachfragen. Doch sie tat es nicht.
„Komm“, sagte sie nur. „Ich möchte dir etwas zeigen.“
Balura schloss zu ihr auf. Erst jetzt bemerkte er die eisenbeschlagene Tür an der Seite des Ganges. Rechts und links davon brannten zwei Fackeln, deren Licht über dunkles Metall und alte Beschläge glitt.
Seine Mutter hob die Hand.
Nur eine kleine Bewegung.
Das Schloss sprang auf.
Die Tür knarrte leise, als sie sich öffnete.
Neid keimte in Balura auf, schnell und bitter, obwohl er es nicht wollte. Für seine Mutter war es eine beiläufige Geste. Eine Kleinigkeit. Für Luna wäre es vielleicht eine Übung gewesen, über die sie später lachen würde.
Für ihn war es eine Erinnerung daran, was ihm fehlte.
Sie traten ein.
Der Raum dahinter lag im Dunkeln.
Balura tastete sich vorsichtig voran. Stein knirschte kaum hörbar unter seinen Sohlen. Er spürte, wie seine Mutter neben ihn trat. Dann hörte er ein Wort.
Es war eine Sprache, die er kannte, aber kaum benutzte. Die alte Sprache der Menschen. Jene Sprache, die vor dem Exodus der Götter gesprochen worden war.
Das Wort bedeutete Reibung.
Im nächsten Augenblick entzündete sich der Raum wie von selbst.
Fackeln an den Wänden flammten auf, eine nach der anderen, bis warmes Licht über Regale, Truhen, Waffenständer und einen breiten Arbeitstisch fiel.
Balura blinzelte verwundert.
„Mutter?“
Sie sah zu ihm.
„Warum benutzt du diese Sprache und nicht unsere? So wie Luna?“
Oynara lächelte, während sie langsam zur linken Wand ging. „Weil ich die Sprache unserer Ahnen präziser finde. Sie erleichtert mir manche Zauber. Vor allem jene, die nicht jeder sofort durchschauen soll.“
Balura runzelte die Stirn. „Also macht die Sprache einen Unterschied?“
„Nicht direkt.“
„Wie meinst du das?“
Seine Mutter blieb vor einem Tisch stehen, auf dem etwas unter einem hellen Tuch verborgen lag. Ihre Finger strichen kurz über den Stoff, doch sie hob ihn noch nicht an.
„Wenn du für eine Beschreibung ein Wort findest, das deinen Willen einfacher oder genauer ausdrückt, kannst du manche Zauber klarer formen“, erklärte sie. „Manchmal sparst du dadurch Kraft. Manchmal vermeidest du Fehler. Manchmal erreichst du etwas, das mit einer ungenauen Formulierung schwerer wäre.“
Balura trat näher. „Also ist die alte Sprache besser?“
„Nein.“
Er sah sie überrascht an.
Oynara lächelte wieder. „Nicht besser. Anders. Präziser für bestimmte Dinge. Vertrauter für andere. Aber Magie hängt nicht nur an Worten. Es gibt viele Ausdrucksformen, die sich gar nicht in Worte packen lassen.“
Balura schwieg einen Moment.
Dann gab er ehrlich zu: „Das verstehe ich nicht so richtig.“
Seine Mutter lachte leise. Hell und warm. Für einen Augenblick war sie nicht die Anführerin der Magier von Atäerya, sondern einfach seine Mutter.
„Eines Tages vielleicht.“
Sie zog das Tuch vom Tisch.
„Komm her, Balura. Ich habe etwas für dich.“
Er trat neben sie.
Auf dem Tisch lag eine Ausrüstung.
Für einen Moment wusste er nicht, was er sagen sollte.
Ein Kettenhemd breitete sich vor ihm aus, kunstvoll mit dunklem Leder verbunden. Daneben lagen eine Lederhose mit feinen Kettenbesätzen an wichtigen Stellen, Handschuhe und Stiefel. Die Kettenglieder wirkten nicht grob oder schwer, sondern fein gearbeitet, fast wie Schuppen, die ineinandergriffen.
Balura streckte die Hand aus, wagte aber kaum, das Stück zu berühren.
„Das ist für mich?“
„Ja.“
Seine Mutter hob das Kettenhemd an. Erst jetzt sah Balura, wie dünn und zugleich dicht die Verarbeitung war. Zwischen Leder und Metall lag eine weitere Schicht, kaum sichtbar.
„In das Leder ist ebenfalls eine feine Kettenschicht eingearbeitet“, sagte Oynara. „Auf der Innenseite liegt ein weicher Lederstoff mit einer Beschichtung. Du kannst es direkt auf der Haut tragen, ohne dass es dich wundscheuert.“
Balura strich mit den Fingern über das Material. Es war leichter, als es aussah. Glatt, aber nicht schwach.
„Außerdem habe ich es mit Magie versehen“, fuhr sie fort. „Es wird dich nicht unverwundbar machen. Aber es wird nützlich sein.“
In Baluras Brust wurde es eng.
Er sah die Ausrüstung an, dann seine Mutter.
Er spürte Dankbarkeit. Und zugleich etwas anderes. Den Schutz, den sie ihm mitgeben wollte. Nicht nur als Königin. Nicht nur als Magierin.
Als Mutter.
„Danke“, sagte er leise. „Ich weiß nicht, wie ich dir dafür danken soll.“
Oynara trat zu ihm und zog ihn an sich.
„Komm einfach unversehrt zurück.“
Balura schloss für einen Moment die Augen.
Der Geruch seiner Mutter, warm und vertraut, lag um ihn. Für einen Herzschlag war der Traum weit weg. Der Zorn. Das Blut. Der fremde Himmel.
Dann löste sie sich von ihm.
Balura zog die neue Ausrüstung an. Sie passte besser, als er erwartet hatte, schmiegte sich an seinen Körper und ließ ihm trotzdem genug Freiheit, sich zu bewegen. Das Schwert mit dem violetten Edelstein hing wieder an seiner Seite. Marlons Tasche befestigte er zusätzlich auf seinen Rücken.
Als er fertig war, sah seine Mutter ihn lange an.
Nicht stolz allein.
Auch sorgenvoll.
Balura wusste nicht, was er sagen sollte. Also verbeugte er sich leicht, wie ein Prinz es tat.
Dann trat er vor und umarmte sie noch einmal wie ein Sohn.
Wenig später verließ er die Arbeitsgemächer seiner Mutter.
Der Palast lag vor ihm. Sein Zuhause. Die Mauern, die ihn geschützt hatten. Die Stimmen, die Gerüche, das Licht auf den Steinen. Alles war noch da.
Und doch fühlte es sich an, als hätte er bereits begonnen, es zu verlieren.
Balura atmete tief ein.
Dann blickte er nach vorn.