Der Erste Wächter · Band 1

Kapitel 4

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Balura stand hinter dem äußeren Palasttor und wippte mit den Sohlen auf und ab.

Er wartete auf seine Schwestern.

Eigentlich hatte er sich vorgenommen, ruhig zu bleiben. Gestern hatte er alles vorbereitet, was sich vorbereiten ließ. Die Taschen waren gepackt. Die ersten Routen lagen zusammengerollt in seinen Gemächern. Er hatte sogar versucht, die Entfernungen noch einmal auf der Karte abzuschätzen, obwohl das wenig brachte, solange niemand genau wusste, wo sich der Orkprinz befand.

Das Schwert hatte er zurückgelassen.

Nicht, weil er sich ohne Waffe wohler fühlte. Im Gegenteil. Seit sein Vater ihm den Auftrag gegeben hatte, griff seine Hand viel zu oft nach dem Ort an seiner Seite, an dem der Griff sonst ruhte. Aber heute wollte er nicht wie ein Prinz wirken, der schon halb auf dem Weg in den Krieg war.

Heute wollte er Bruder sein.

Der Palasthof war belebter, als er erwartet hatte. Vögel sangen irgendwo zwischen den Mauern, und aus dem Trainingsbereich klirrten Schwerter gegeneinander. Diener trugen Kisten über den Hof. Zwei Stallknechte führten ein unruhiges Pferd am Zügel vorbei. Boten kamen und gingen, manche mit gesenktem Kopf, andere so hastig, als könne schon ein einziger verlorener Atemzug etwas verändern.

Einer von ihnen fiel Balura besonders auf.

Der Mann rannte nicht. Dafür war er zu sehr darum bemüht, würdevoll zu wirken. Aber seine Schritte waren zu schnell, sein Blick zu sprunghaft. Staub klebte an seinem Mantel, und an einer Seite hing der Stoff dunkler herab, als sei er auf dem Weg durch Regen oder Matsch geritten.

„Dringende Nachricht für den König“, sagte der Bote und hielt der Wache ein versiegeltes Schreiben hin.

Die Wache nahm es nicht sofort an. Sie musterte erst das Siegel, dann den Mann, dann wieder das Siegel.

Balura sah, wie die Finger des Boten um das Pergament zuckten.

„Aus Haptor“, fügte der Mann leiser hinzu. „Ich wurde angewiesen, ohne Verzögerung vorzusprechen.“

Die Wache nickte knapp. „Weiter.“

Der Bote verneigte sich hastig, bemerkte Balura im nächsten Augenblick und stockte. Für einen kurzen Moment traf sein Blick den des Prinzen. Darin lag keine Ehrfurcht. Nicht zuerst.

Darin lag Furcht.

Dann senkte der Mann den Kopf und huschte an ihm vorbei, durch das Tor, an den Wachen entlang und hinein in den Palast.

Balura sah ihm nach, bis er hinter einer Säule verschwand.

„Das ist schon der dritte aus Haptor“, murmelte eine der Wachen zu der anderen.

„Seit Rentoka gefallen ist, wundert mich gar nichts mehr“, antwortete die zweite.

Balura wandte den Blick ab.

Rentoka.

Der Name legte sich wie kaltes Metall in seine Gedanken. Er hatte ihn in den letzten Tagen zu oft gehört. Am Tisch. Vor Karten. In halb abgebrochenen Gesprächen, die verstummten, sobald er zu nahe kam.

Er wollte gerade fragen, ob die Wachen mehr wussten, als ihn eine helle, empörte Stimme aus den Gedanken riss.

„Hör auf, Luna! Sag jetzt die Wahrheit. Gibt es noch Drachen oder nicht?“

Balura drehte sich um.

Luna kam über den Hof auf ihn zu, neben ihr Elina, die so entschlossen aussah, wie nur ein Kind aussehen konnte, das meinte, gerade um eine sehr wichtige Antwort betrogen worden zu sein. Luna hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt und lachte noch, doch als sie Elinas Gesicht sah, wurde ihr Blick weicher.

„Wenn es sie noch gibt“, sagte Luna, „dann verstecken sie sich sehr gut.“

„Das ist keine Antwort.“ Elina verschränkte die Arme. „Das ist eine Luna-Antwort.“

Balura musste lächeln.

Luna bemerkte ihn und hob die Hand. „Oh. Balura.“

Elina fuhr herum. „Balura!“

Sie rannte die letzten Schritte auf ihn zu, blieb aber kurz vor ihm stehen, als hätte sie vergessen, ob sie ihn umarmen oder weiterstreiten wollte.

„Zankt ihr euch schon wieder?“, fragte Balura.

„Ich zanke nicht“, sagte Elina sofort. „Ich frage.“

„Sie fragt seit dem Frühstück“, sagte Luna.

„Weil du nicht antwortest.“

Balura sah zwischen ihnen hin und her. „Worüber?“

Elina hob das Kinn. „Drachen.“

Bei diesem Wort veränderte sich etwas in Luna. Nur ein wenig. Ihr Lächeln blieb, aber es wurde stiller. Für einen Augenblick sah sie nicht mehr wie seine kleine Schwester aus, die sich heimlich aus Unterrichtsstunden stahl und Dinge mit Magie schweben ließ. Sie sah aus wie jemand, der vor einer Tür stand und wusste, dass dahinter etwas wartete, das größer war als sie selbst.

Balura kannte dieses Gefühl.

Drachen waren für ihn nie nur Geschöpfe aus alten Liedern gewesen. Sie standen für Freiheit. Für Unzähmbarkeit. Für jene Art von Macht, die sich keinem Thron und keiner Mauer beugte. Vielleicht hatte er sie deshalb immer so sehr geliebt. Vielleicht auch, weil er selbst nie gespürt hatte, was andere Magier wie selbstverständlich in sich trugen.

„Dann ist das Museum heute genau richtig“, sagte er.

Elina blinzelte. „Gehen wir wirklich?“

„Wenn ihr nicht vorher schon alles geklärt habt.“

„Haben wir nicht“, sagte Elina sofort.

Luna grinste. „Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig.“

Sie gingen gemeinsam über den Hof. Hinter ihnen fiel das Palasttor nicht ins Schloss, doch Balura hörte das schwere Knarren der Flügel trotzdem in seinen Gedanken nach. Der Weg führte sie durch das äußere Palastviertel, vorbei an Steinbögen, kleinen Gärten und Werkstätten, aus denen der Geruch nach Metall, warmem Holz und frischem Brot drang.

Atäerya lebte.

Überall bewegten sich Menschen. Ein Junge trug eine Kiste voller Glasfläschchen, die bei jedem Schritt leise klirrten. Eine alte Frau stand vor einem Brunnen und ließ Wasser in einer dünnen Spirale in ihren Eimer steigen, ohne die Kurbel zu berühren. Zwei Soldaten gingen an ihnen vorbei und verneigten sich knapp, doch ihre Blicke waren nicht so sorglos wie sonst.

Balura bemerkte es.

Luna bemerkte es auch. Er sah es daran, wie ihr Blick einen Augenblick länger an den Soldaten hängen blieb.

Elina bemerkte nur den Hund, der zwischen zwei Marktständen hindurchlief.

„Guck mal“, sagte sie und deutete auf ihn. „Der hat eine Weste an.“

„Vielleicht ist er im Dienst“, sagte Balura.

Elina sah ihn ernst an. „Als was?“

„Als sehr kleiner Wachhund.“

Luna lachte.

Für ein paar Atemzüge wurde der Weg leichter.

Dann traten sie auf den Platz vor dem Drachenmuseum.

Elina blieb stehen.

Auch Luna sagte nichts.

Vor ihnen erhob sich der Eingang des Museums aus dunklem Marmor. Er war in die Gestalt eines gewaltigen Drachenschädels gehauen, so groß, dass selbst die Wachen zu beiden Seiten wie kleine Figuren wirkten. Das Maul stand weit offen. Die oberen Zähne ragten aus dem Stein herab, die unteren schienen aus dem Boden selbst zu wachsen. Zwischen ihnen lag ein roter Teppich, samtig und breit, als lade der Drache seine Besucher ein, freiwillig in seinen Rachen zu treten.

„Das Drachenmuseum“, las Luna leise von der Inschrift über dem Maul.

Elina starrte hinauf. „Der ist ja riesig.“

„Nicht echt“, sagte Luna.

„Das weiß ich.“ Elina klang beleidigt. Dann beugte sie sich etwas näher zu Balura. „Oder?“

„Nicht echt“, bestätigte Balura.

Elina wirkte für einen Moment erleichtert und enttäuscht zugleich.

Die Wachen erkannten Balura sofort. Einer von ihnen trat einen Schritt zurück und neigte den Kopf.

„Mein Prinz.“

„Wir bleiben nicht lange“, sagte Balura.

„Wie Ihr wünscht.“

Sie traten durch das steinerne Maul.

Im Inneren wurde der Lärm des Platzes leiser. Das Licht fiel durch hohe, schmale Fenster und brach sich auf glatten Böden. Es roch nach altem Stein, Staub, Wachs und etwas Scharfem, das Balura nicht benennen konnte. Vielleicht stammte es von den konservierten Schuppen. Vielleicht bildete er es sich nur ein, weil dieser Ort von Drachen erzählte.

Der erste Saal war den Eiern gewidmet.

Elina blieb vor einer Schale stehen, die so groß war wie ein Pferdeleib. Ihre Oberfläche war nicht glatt, sondern von feinen Rillen durchzogen, die im Licht silbern schimmerten.

„Da hat wirklich ein Drache hineingepasst?“, fragte sie.

„Ein sehr kleiner“, sagte Luna.

Elina sah sie an. „Das findest du klein?“

„Für einen Drachen schon.“

Sie gingen weiter. An den Wänden hingen Schuppen in allen Farben, manche matt wie Asche, andere glänzend wie geschmolzenes Glas. Eine einzelne rote Schuppe lag unter einer Glashaube und glühte von innen heraus, als habe jemand ein Stück Abendsonne darin eingeschlossen.

Balura blieb davor stehen.

Unter der Haube stand eine kleine Tafel:

Schuppe eines roten Wyverndrachen. Herkunft unsicher. Spätes Drachenzeitalter.

Spätes Drachenzeitalter.

Als wäre ein Zeitalter etwas, das man sauber beschriften und hinter Glas legen konnte.

Luna trat neben ihn. „Sie ist schön.“

„Ja.“

„Traurig schön.“

Balura sah zu ihr hinüber.

Sie hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und blickte auf die Schuppe, als könnte sie darin eine Antwort finden. Elina war bereits ein Stück weitergelaufen und stand vor einem Skelett, dessen Rippen sich wie weiße Torbögen über ihr spannten.

Jeder Raum erzählte eine andere Geschichte. Von Drachen, die über Berge wachten. Von jenen, die mit Zwergen in den Tiefen handelten. Von alten Bündnissen, gebrochenen Schwüren, verbrannten Städten und heilenden Flammen. Von Wissen, das die Völker bereichert hatte und von Macht, die niemand ganz verstand.

Luna las viele der Tafeln. Nicht laut. Nur für sich. Manchmal bewegten sich ihre Lippen dabei.

Balura ließ sie.

Er kannte dieses Staunen. Er hatte es selbst oft genug gespürt.

In einem der nächsten Räume blieb Luna plötzlich stehen.

„Du, Balura?“

Er wandte sich zu ihr. „Ja?“

Sie blickte nicht ihn an, sondern das Gemälde vor ihnen. Es zeigte einen goldenen Hochdrachen über einer Stadt, die in warmem Licht lag. Menschen standen auf den Mauern und streckten die Hände empor. Nicht aus Angst. Eher wie bei einem Gebet.

„Wenn Drachen so mächtig waren“, sagte Luna leise, „warum haben sie uns dann im Stich gelassen?“

Elina, die eben noch an einem Schaukasten geklebt hatte, wurde still.

Luna drehte den Kopf zu Balura. „Und warum hat Aelion sie nicht beschützt? So wie er uns beschützt?“

Balura spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog.

Aelion.

Der Gott der Menschen. Der Schutz Atäeryas. Der Name, den sein Vater mit einer Selbstverständlichkeit aussprach, als sei er nicht nur Glaube, sondern Teil der Mauern selbst.

Balura hätte gern sofort geantwortet. Stattdessen sah er auf das Gemälde und merkte, dass er eine Haltung annahm, die er von Lehrern kannte. Rücken gerade. Stimme ruhig. So tat man, wenn man selbst nicht sicher war und trotzdem nicht schwanken wollte.

„Drachen sind keine Götter“, sagte er.

Luna wartete.

„Sie waren mächtig. Sehr mächtig. Aber auch sie waren sterblich. Oder zumindest nicht unverwundbar.“ Er suchte nach Worten, die nicht zu schwer für Elina und nicht zu leer für Luna klangen. „Was immer damals geschehen ist, muss größer gewesen sein als eine gewöhnliche Schlacht. Vielleicht größer als alles, was wir heute verstehen.“

„Also weißt du es nicht“, sagte Luna.

Balura atmete leise aus.

„Nein“, sagte er. „Nicht wirklich.“

Das war ehrlicher als die Antwort, die er zuerst hatte geben wollen.

Elina sah zwischen ihnen hin und her. „Sind sie für immer weg?“

Balura kniete sich nicht zu ihr hinunter. Sie hasste es, wenn man sie wie ein Kleinkind behandelte. Also blieb er stehen, sah sie aber direkt an.

„Ich glaube nicht.“

Ihre Augen wurden größer. „Nicht?“

„Die Drachen haben ihren eigenen Gott“, sagte Balura. „So wie wir Aelion haben. Ignavorax, den Gott des Feuers. Und solange es Ignavorax gibt, glaube ich nicht, dass die Drachen einfach ganz verschwunden sein können.“

Elina dachte darüber nach.

Luna ebenfalls.

Balura wusste nicht, ob er recht hatte. Aber er meinte es ernst. Und vielleicht war das für diesen Augenblick genug.

„Vielleicht verstecken sie sich wirklich gut“, murmelte Elina.

„Vielleicht“, sagte Balura.

Sie gingen weiter.

Der nächste Saal war der größte von allen.

In seiner Mitte lag ein Drache.

Elina riss den Mund auf.

Selbst Balura blieb einen Augenblick stehen, obwohl er diese Nachbildung schon einmal gesehen hatte. Der Wyvern Drache war hallengroß. Seine Flügel sind halb ausgebreitet, die Krallen ruhten auf dem Steinboden, und der lange Schwanz zog sich bis hinter eine Säulenreihe. Dunkelgrüne Schuppen bedeckten seinen Körper. Zwischen ihnen lag ein feiner Glanz, als könne jeden Moment Atem darunter erwachen.

„Der sieht echt aus“, flüsterte Elina.

Dann hielt sie es nicht länger aus und lief los.

„Ich gucke ihn mir von überall an!“

„Nicht anfassen!“, rief Luna ihr nach.

„Ich fasse gar nichts an!“

„Du fasst immer etwas an!“

„Diesmal nicht!“

Balura und Luna sahen ihr nach, wie sie um den gewaltigen Schwanz herum verschwand.

Für einen Moment waren sie allein, obwohl Elinas Schritte noch durch die Halle hallten.

Luna blickte zu dem Drachen hinauf. „Glaubst du, sie haben aufgehört, Ignavorax anzubeten?“

Balura sah sie von der Seite an.

„Wie kommst du darauf?“

„Mutter hat einmal gesagt, dass unser Land so reich und unsere Stadt so sicher ist, weil Aelion über uns wacht.“ Luna hob die Schultern, als wolle sie die eigene Frage kleiner machen. „Vielleicht haben die Drachen ihren Gott erzürnt.“

Balura erschrak darüber, wie ernst sie es meinte.

Nicht, weil die Frage dumm war. Sie war es nicht. Gerade deshalb traf sie ihn.

„Ich glaube nicht, dass Götter so sind wie wir“, sagte er langsam.

„Wie meinst du das?“

„Menschen sind schnell beleidigt, stolz und grausam, wenn sie glauben, im Recht zu sein.“ Er sah zu dem nachgebildeten Drachen hinauf. „Vielleicht sind Götter größer als das. Oder fremder.“

Luna schwieg.

„Schau dir die anderen Menschenreiche an“, fuhr Balura fort. „Viele beten kaum noch. Manche gar nicht. Und sie leben trotzdem. Nicht wie wir vielleicht, nicht mit unseren Mauern und unserem Reichtum, aber sie leben.“

Er hielt inne.

Der nächste Gedanke kam von selbst.

Vielleicht lag es weniger daran, wen ein Reich anbetete, sondern daran, wie es geführt wurde. Wie es seine Menschen behandelte. Was es weitergab. Was es beschützte und was es opferte.

Aber das sagte er nicht.

Nicht hier. Nicht heute.

Luna sah ihn an, als habe sie trotzdem etwas davon gehört.

Dann kam Elina hinter dem Drachenschwanz hervorgerannt.

„Der ist unglaublich!“, rief sie. „Wie haben die den so echt gemacht? Die anderen sind nur Knochen.“

„Durch Magie“, antwortete Balura. „Es ist eine Nachbildung. Keine echte Haut, keine echten Schuppen, keine echte Flügelmembran.“

Elinas Begeisterung sank ein Stück. „Also ist er nur gemacht.“

„Ja“, sagte Balura. Dann betrachtete er den Drachen noch einmal. „Aber manchmal macht man Dinge, weil man nicht vergessen will, wie etwas war.“

Elina sah wieder hinauf.

„Dann ist das gut“, entschied sie.

Ihr Magen knurrte so laut, dass Luna sofort zu lachen begann.

Elina legte beide Hände auf den Bauch. „Das war nicht ich.“

„Natürlich nicht“, sagte Luna. „Das war bestimmt der Drache.“

„Vielleicht lebt er doch noch und hat Hunger“, sagte Balura.

Elina blickte alarmiert zu dem Drachen hinauf. Dann merkte sie, dass er grinste, und boxte ihm gegen den Arm.

„Gemein.“

„Dann sollten wir ihn nicht warten lassen“, sagte Balura. „Wir machen uns auf den Heimweg.“

Draußen war das Licht weicher geworden. Der Platz vor dem Museum wirkte nicht leer, aber verändert. Balura brauchte einen Moment, bis er verstand, warum.

Mehr Soldaten.

Nicht viele. Nicht genug, dass Elina es bemerkte. Aber genug, dass es ihm auffiel. An der Ecke zur Hauptstraße standen zwei Männer in den Farben der Stadtwache. Weiter hinten sprach ein Offizier mit einen Soldaten. Ein Reiter führte sein Pferd am Zügel, statt aufzusteigen, und blickte dabei immer wieder zum Palast hinüber.

Der Heimweg verlief ohne Zwischenfall.

Trotzdem fühlte er sich nicht friedlich an.

Balura hörte Elina erzählen, welcher Raum ihr am besten gefallen hatte. Er hörte Luna widersprechen, weil natürlich die Schuppe unter der Glashaube wichtiger gewesen sei als der große Drache. Er antwortete an den richtigen Stellen, lachte einmal, als Elina behauptete, sie würde später einen Drachen finden und ihm beibringen, sich vor Regina zu verstecken.

Aber ein Teil seiner Gedanken war bereits anderswo.

Beim Orkprinzen.

Bei Rentoka.

Bei dem Boten aus Haptor und der Furcht in seinen Augen.

Und immer wieder bei dem Wissen, dass er diese Straßen für eine lange Zeit nicht mehr sehen würde.

Im Palast angekommen brachten sie Elina zu ihren Gemächern, wo Regina bereits wartete.

Die Zofe hatte die Hände vor dem Bauch gefaltet und trug genau jenen Blick, der Kinder daran erinnerte, dass Erwachsene auch ohne Magie gefährlich sein konnten.

„Prinzessin Elina“, sagte Regina. „Ihr seid staubig.“

Elina blieb in der Tür stehen. „Ich war bei den Drachen.“

„Das sehe ich.“

„Dort ist es staubig.“

„Auch das sehe ich.“

„Dann ist es nicht meine Schuld.“

Regina hob eine Augenbraue. „Und dennoch werdet Ihr Euch waschen.“

Elina sog empört die Luft ein. „Ich will mich aber nicht waschen!“

Balura biss sich auf die Innenseite der Wange, um nicht zu lachen. Luna war weniger erfolgreich. Sie wandte sich ab, doch ihre Schultern bebten.

„Verräter“, sagte Elina zu ihr.

„Ich habe gar nichts gesagt.“

„Du lachst mit den Schultern.“

Regina trat zur Seite und deutete in die Gemächer. „Kommt, Prinzessin. Wenn Ihr schnell seid, bleibt vielleicht noch Zeit, vor dem Essen, seiner Majestät vom Museumsbesuch zu erzählen.“

Die Tür schloss sich, er und Luna lachten nun endlich richtig.

Nicht lange.

Aber lang genug.

Danach gingen sie nebeneinander durch den Palastgang. Die hohen Fenster warfen blasse Streifen auf den Steinboden. Zwei Bedienstete kamen ihnen entgegen, verneigten sich und huschten weiter. Irgendwo weiter hinten wurde eine Tür geöffnet. Stimmen drangen heraus, gedämpft und ernst, dann fiel die Tür wieder zu.

Luna sah auf ihre eigenen Füße.

„Morgen muss ich mich allein mit Marlon streiten“, sagte sie.

Es klang scherzhaft. Fast.

Balura sah sie an. „Du kannst ja mitkommen.“

Luna blieb stehen.

Er hatte es als Scherz sagen wollen. Vielleicht. Doch als die Worte zwischen ihnen lagen, waren sie ernst geworden.

Luna sah ihn ebenso ernst an.

Einen Herzschlag lang sagte keiner von beiden etwas.

Dann schloss sie die Augen, hob das Kinn und sagte mit feierlicher Stimme: „Sobald ich eine ausgebildete Magierin bin, wirst du nie wieder mit dem Pferd reisen müssen.“

Balura blinzelte.

Luna öffnete ein Auge. „Ich teleportiere dich einfach von A nach B.“

„Von A nach B?“

„Natürlich.“

„Und was ist mit C?“

„C ist gefährlich. Da landet man nur, wenn Marlon mich ärgert.“

Balura lachte.

Luna grinste, und für einen Moment war sie wieder ganz Luna. Hell. Frech. Unmöglich ernst zu nehmen, selbst wenn sie gerade Dinge sagte, die irgendwann vielleicht wahr werden konnten.

„Wehe, wenn nicht“, sagte Balura.

„Dann musst du weiter reiten wie ein gewöhnlicher Prinz.“

„Schreckliches Schicksal.“

Sie gingen weiter.

Das Lachen verklang zwischen den Säulen.

Am Ende des Ganges blieb Luna noch einmal stehen. Nicht abrupt. Eher so, als habe sie mit jedem Schritt versucht, den nächsten Satz nicht zu sagen, und nun konnte sie ihn doch nicht länger zurückhalten.

„Balura?“

Er wandte sich zu ihr.

Luna sah nicht mehr zu Boden. Ihre Augen waren klar, aber in ihnen lag eine Traurigkeit, die sie vorher vor Elina verborgen hatte.

„Pass auf dich auf“, sagte sie leise.

Keine große Bitte. Kein dramatischer Abschied.

Nur diese vier Worte.

Gerade deshalb trafen sie ihn.

Balura wollte etwas Kluges sagen. Etwas Leichtes. Etwas, das ihr die Sorge nahm und ihm selbst gleich mit. Doch nichts davon kam ihm wahr vor.

Also nickte er.

„Das mache ich.“

Luna sah ihn noch einen Moment an. Dann lächelte sie. Klein. Tapfer. Viel zu tapfer für zehn Jahre.

Balura erwiderte das Lächeln.

Als sie sich abwandte und den Gang hinunterging, blieb er stehen und sah ihr nach.

Der Abschied wartete nicht mehr nur irgendwo in der Zukunft.

Er war bereits da.