Balura trocknete sich das Haar und blieb dann einen Augenblick reglos stehen.
Der Tag war längst angebrochen, doch die Nacht hing ihm noch immer in den Gedanken. Er hatte lange wach gelegen. Immer wieder war er dieselben Fragen durchgegangen um am Ende doch keine Ruhe zu finden.
Wie bereitete man sich auf eine Reise vor, von der alle so sprachen, als sei sie notwendig, aber niemand ihm wirklich sagte, was sie bedeutete?
Draußen vor dem Fenster lag Atäerya im Licht des frühen Tages. Die oberen Dächer glänzten hell, und über den Gärten des Palastes hing ein feiner, goldener Dunst. Irgendwo klangen Stimmen durch den Innenhof. Schritte eilten über Stein. Eine Tür wurde geöffnet, eine andere geschlossen. Weiter unten rief ein Diener nach jemandem, der nicht schnell genug antwortete.
Der Palast war erwacht.
Balura atmete aus, streckte die Arme und hörte, wie es leise in seinem Rücken knackte. Er verzog das Gesicht, als sei sein eigener Körper ihm für einen Moment fremd geworden, und trat dann näher an den Spiegel.
Seine Haare waren länger geworden.
Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Dunkle Strähnen fielen ihm tiefer ins Gesicht, als er es gewohnt war. Früher hatte Oynara sie ihm manchmal selbst aus der Stirn gestrichen, wenn er beim Essen wieder aussah, als sei er direkt aus einem Sturm in den Saal gefallen. Jetzt reichten sie ihm fast bis zum Kiefer.
Er sah älter aus.
Nicht erwachsen. Noch nicht. Aber älter.
Sein Blick glitt über seine Brust, die Schultern, das Schlüsselbein hinauf zum Kinn. Die Muskeln an seinen Armen waren härter geworden. Nicht wie die eines Soldaten, nicht wie die seines Vaters, aber doch anders als noch vor einem Jahr. Der Unterricht, das Training, die Stunden mit der Klinge, die Übungen im Hof…all das hatte Spuren hinterlassen.
Dann blinzelte er.
War das Flaum?
Balura beugte sich näher an den Spiegel. Tatsächlich. Über der Haut an seinem Kinn lag ein feiner Schatten, kaum sichtbar und doch nicht zu leugnen. Nicht viel. Eigentlich fast nichts.
Aber genug, dass er ihn bemerkte.
Neben der Waschschale lag eine schmale Rasierklinge auf einem Tuch. Einer der Kammerdiener musste sie am Morgen bereitgelegt haben. Balura nahm sie vorsichtig auf, betrachtete die Schneide und setzte sie dann mit mehr Ernst an, als dieses winzige Stück Haar verdient hatte.
Er schabte langsam über die Haut.
Einmal hielt er inne, weil er zu viel Druck gegeben hatte. Dann machte er weiter. Als er fertig war, stellte er die Klinge zurück, wischte sich mit dem Tuch über das Kinn und betrachtete sein Spiegelbild.
Geschafft.
Für einen kurzen Moment musste er lächeln.
Dann fiel sein Blick auf die Kleidung, die über dem Stuhl lag.
Dunkle Lederhose. Leinenhemd. Schwarze Stiefel.
Keine Kleidung für eine Unterrichtsstunde. Keine für ein Essen im Kreis der Familie. Keine für einen Tag im Palast, an dem man zwischen Säulen, Kartenräumen und Trainingshof wechselte.
Reisekleidung.
Das Lächeln verschwand.
Balura zog sich an. Zuerst langsam, dann entschlossener. Das Leinenhemd war schlicht, aber fest gewebt. Die Lederhose saß enger als seine gewöhnliche Kleidung. Die Stiefel waren schwerer. Als er die Riemen schloss, hörte er draußen wieder Stimmen im Hof, ein fernes Lachen, das Klirren von Geschirr.
Alles klang wie immer.
Genau das machte es seltsam.
Er richtete sich auf, strich das Hemd glatt und wandte sich zur Tür.
Als Erstes zu Vater.
Der Gedanke war klar. Dort würde er anfangen. Er würde nicht abwarten, bis andere ihm sagten, was er tun durfte. Wenn er schon reisen sollte, dann nicht mit leeren Händen und nicht wie ein Kind, das man vor die Tore schickte.
Eine Handvoll Leute wenigstens.
Besser ein Dutzend.
Nicht zu viele, um aufzufallen. Aber genug, damit niemand sagen konnte, der Sohn des Königs sei ohne Verstand in eine Gefahr geritten.
Balura öffnete die Tür seiner Gemächer und trat hinaus.
Die Gänge des Palastes waren bereits belebt. Diener trugen Körbe mit frischer Wäsche an ihm vorbei. Zwei junge Schreiber eilten mit Wachstafeln unter den Armen in Richtung Archiv. An einer Ecke blieb eine Magd stehen, neigte den Kopf und trat zur Seite. Balura nickte ihr zu, ohne langsamer zu werden.
Seine Schritte hallten über den Stein.
Er ging durch einen langen Korridor, in dem das Morgenlicht durch hohe Fenster fiel und helle Streifen auf den Boden legte. An den Wänden hingen Wandteppiche mit Jagdszenen, alten Königen und Schlachten, deren Namen er auswendig kannte. Als Kind war er oft stehen geblieben und hatte versucht, die Gesichter der Männer darauf nachzuahmen. Streng. Erhaben. Unerschütterlich.
Heute gingen sie an ihm vorbei, als beobachteten sie ihn.
Balura hob das Kinn.
Vater würde in seinem Arbeitszimmer sein. Um diese Zeit war er fast immer dort. Wenn er nicht im Rat saß, nicht im Thronsaal sprach und nicht gerade Nachrichten von den Grenzen entgegennahm, stand er über Karten, las Berichte oder ließ sich Dinge erklären, die andere Männer erst am Ende eines Tages begriffen.
Balura ging durch die Eingangshalle, überquerte den breiten Steinboden und wandte sich zum linken Flügel.
Schon von weitem sah er die Tür.
Sie war höher als die meisten Türen des Palastes und von zwei schlanken Säulen eingefasst. In das dunkle Holz waren feine Linien geschnitzt, verschlungene Ranken, Kronen, Sonnenzeichen und das Wappen seiner Familie. Über den beiden Türflügeln breitete sich ein goldener Greif aus, die Schwingen erhoben, die Krallen um ein Schwert geschlossen.
Baluras Schritte wurden langsamer.
Seine Forderung war vernünftig. Das wusste er. Kein Mensch bei Verstand würde ihm widersprechen können. Nicht bei Rentoka. Nicht bei Orks. Nicht bei einer Reise, die ihn aus dem sichersten Reich der Welt hinausführen sollte.
Trotzdem zog sich etwas in seiner Brust zusammen.
Mit jedem Schritt schlug sein Herz etwas schneller.
Er blieb vor der Tür stehen, hob die Hand und klopfte zweimal.
Einen Moment lang geschah nichts.
Dann öffnete er die Tür und trat ein.
„Vater? Hast du einen Moment?“
Das Arbeitszimmer seines Vaters begann nicht wie ein Zimmer. Hinter der Tür lag zuerst ein breiter Gang, flankiert von hohen Regalen, die bis fast unter die Decke reichten. Bücher, Kartenrollen und versiegelte Schriftstücke füllten jedes Fach. Der Geruch von Pergament, altem Holz und Tinte hing in der Luft.
Am Ende öffnete sich der Raum zu einer großen runden Halle.
Zwei geschwungene Treppen führten zu einem erhöhten Bereich hinauf. Dort standen weitere Regale, ein zweiter Tisch und ein Lesepult, auf dem mehrere Karten ausgebreitet waren. Zur rechten Seite öffneten hohe Türen den Blick auf eine Terrasse. Blumen wuchsen in steinernen Trögen, und der Duft feuchter Erde mischte sich mit dem kühlen Morgen.
Links beherrschte eine Weltkarte die Wand.
Sie war nicht gemalt.
Sie war in hellen Marmor gemeißelt.
Gebirge erhoben sich als feine Grate aus dem Stein. Flüsse zogen sich als schmale Furchen durch Länder und Ebenen. Städte waren mit winzigen Zeichen markiert, kaum größer als Fingernägel und doch genau genug, dass Balura mehrere von ihnen auf den ersten Blick erkannte.
Atäerya.
Rentoka.
Die Gebirge im Norden.
Und weiter entfernt, dort, wo das Licht schlechter hinfiel, die dunkle Fläche des Schreckenswaldes.
„Balura?“
Die Stimme seines Vaters kam von oben.
Balura trat ein Stück weiter in den Raum. „Ja, Vater. Warte, ich komme zu dir hinauf.“
„Schon gut. Ich bin gleich unten.“
Jugora erschien am oberen Geländer.
Für einen Moment stand er dort im Morgenlicht, groß und breit, als gehöre der Raum mehr zu ihm als er zum Raum. Dann setzte er sich in Bewegung und stieg die verzierte Wendeltreppe hinab. Er trug keine Krone. Nur ein dunkles Gewand, schlicht geschnitten, aber von jener Art, die selbst ohne Schmuck keinen Zweifel ließ, wer es trug.
„Du möchtest wohl deine Abreise besprechen, mein Sohn.“
Es war keine Frage.
Jugora atmete etwas schwerer, als er unten ankam. Nicht viel. Nur genug, dass Balura merkte, dass er sich beeilt hatte. Im Vorbeigehen legte sein Vater ihm eine Hand auf die Schulter und drückte sie kurz.
„Natürlich möchtest du das.“
Balura öffnete den Mund, aber Jugora hob bereits eine Hand.
„Dann erzähl.“, sagte sein Vater.
Er ging zu seinem Schreibtisch, setzte sich und sah Balura an.
Balura blieb zunächst stehen. Er hatte sich diesen Moment in der Nacht mehrmals vorgestellt. Ruhiger. Fester. Mit klarer Stimme. Vielleicht sogar mit einem gewissen königlichen Gewicht.
Jetzt spürte er nur, wie seine Gedanken sich kurz aneinander verhakten.
Er ging ein paar Schritte auf den Tisch zu und zwang sich, den Blick seines Vaters zu halten.
„Vater“, begann er. Seine Stimme klang einen Hauch zu hell. Er räusperte sich. „Ich habe das Ganze gründlich durchdacht. Für dieses Vorhaben brauche ich mindestens eine Handvoll Leute. Besser wäre ein Dutzend. Nicht zu viele, damit wir nicht auffallen, aber genug, um nicht schutzlos zu sein.“
Während er sprach, glaubte er für einen Herzschlag etwas in Jugoras Augen zu sehen.
Zufriedenheit vielleicht.
Oder Stolz.
Der Ausdruck verschwand so schnell, dass Balura nicht sicher war, ob er ihn sich nur eingebildet hatte.
Jugora nickte kaum merklich.
Weiter.
„Also“, sagte Balura. Das Wort blieb ihm kurz im Hals stecken. „Ein paar Magier wären notwendig. Im Orkreich bräuchten wir vermutlich eine dauerhafte Tarnung oder zumindest jemanden, der Spuren verschleiern kann. Dazu Soldaten. Gute Soldaten. Erfahrene Männer, die nicht beim ersten Hinterhalt die Nerven verlieren.“
Er merkte, dass er sicherer wurde.
Das half.
„Außerdem habe ich selbst nicht genug Gold für das Vorhaben. Ausrüstung, Nahrung, Unterkunft, Karten, Heiltränke, Ersatzwaffen…irgendjemand muss das bezahlen. Ich würde mich um die Vorbereitung kümmern. Ich brauche nur die Mittel, deinen Rat bei der Wahl der Begleiter und eine Befugnis. Am besten schriftlich.“
Als er endete, war seine Brust weiter geworden.
Das war gut gewesen.
Nicht vollkommen. Aber gut.
Jugora blickte ihn eine Weile regungslos an.
Balura hielt still.
„Du hast dir also Gedanken gemacht“, sagte sein Vater schließlich.
Wieder klang es nicht wie eine Frage.
Balura nickte. „Ja.“
Jugora lehnte sich nicht zurück. Er faltete auch nicht die Hände, wie er es oft tat, wenn er über einen Bericht nachdachte. Stattdessen sah er Balura fest in die Augen.
„Wie steht es um deine Angst?“
Balura blinzelte.
„Vater?“
Jugora stand auf und kam langsam um den Tisch herum.
„Angst“, sagte er. „Du wirst sie sicher verspüren. Nur ein Narr hat keine Angst.“
Natürlich hatte Balura Angst. Nicht so, dass er es laut gesagt hätte. Nicht einmal so, dass er es gern vor sich selbst zugab. Aber sie war da. Sie saß irgendwo in seiner Brust, seit sein Vater ihm die Reise eröffnet hatte.
Warum fragte er jetzt danach?
Warum ausgerechnet jetzt, wo Balura endlich bewiesen hatte, dass er an Vorräte, Männer und Magier gedacht hatte?
„Die Angst ist wichtig“, sagte Balura langsam. „Aber sie darf mich nicht beherrschen.“
Er merkte erst nach dem Sprechen, dass er seinen Vater zitierte.
Jugora lachte.
Balura sah überrascht auf.
Sein Vater lachte nicht oft. Wenn er es tat, war es kein lautes, haltloses Lachen, wie man es manchmal bei Soldaten im Hof hörte, sondern tief und warm, als komme es aus einem Ort, den er nur selten öffnete. Balura mochte dieses Lachen. Er hatte es immer gemocht, vielleicht gerade weil es so selten war.
„So ist es, Balura.“
Das Lachen verklang. Jugora trat näher und legte beide Hände auf Baluras Schultern. Sie waren schwer. Warm. Unausweichlich.
Dann wurde sein Blick wieder ernst.
„Du bist mutig“, sagte er. „Und du bist kein Dummkopf.“
Balura schwieg.
„Ich bin stolz auf dich.“
Für einen Moment hörte Balura nichts mehr.
Nicht die Vögel auf der Terrasse. Nicht die fernen Stimmen im Palast. Nicht einmal seinen eigenen Atem.
Sein Vater hatte das noch nie gesagt.
Nicht nach seiner ersten bestandenen Waffenprüfung. Nicht, als er endlich einen Gegner besiegt hatte, der älter und stärker gewesen war als er. Nicht nach den langen Stunden über Zahlen, Ernten, Abgaben und Handelswegen. Nicht nach den Unterrichtsstunden, in denen Balura gelernt hatte, warum Kriege selten dort begannen, wo der erste Pfeil flog.
Nie so.
Nicht einfach.
Nicht direkt.
Etwas Warmes stieg in ihm auf, so plötzlich, dass es beinahe wehtat. Gleichzeitig wurde ihm die Schwere der Abreise klarer als zuvor. Als hätte der Stolz seines Vaters eine Tür geöffnet, hinter der nicht nur Anerkennung lag, sondern auch Verlust.
Jugoras Hände drückten seine Schultern noch einmal.
„Aber“, sagte er.
Da war es.
Balura hob den Blick.
„Du bist noch jung.“ Jugoras Stimme blieb ruhig. Nicht hart, nicht spöttisch. Nur wahr. „Du bist nicht naiv, Balura. Du denkst. Du planst. Du siehst mehr als viele andere in deinem Alter. Aber du unterschätzt, was dort draußen auf dich wartet.“
Er ließ ihn los und ging zurück hinter den Schreibtisch.
„Setz dich.“
Balura blickte kurz auf den Stuhl, dann setzte er sich.
Der Stolz hallte noch in ihm nach. Warm. Ungeordnet. Gleichzeitig hatte das Aber bereits begonnen, sich darumzulegen wie kaltes Wasser um einen Stein.
Jugora nahm Platz.
Als er wieder sprach, klang er wie immer.
Wie der König.
„Natürlich wirst du nicht einfach losgeschickt.“
Balura atmete aus.
„Aber du wirst auch nicht mit so vielen Leuten reisen.“
Das Herz rutschte ihm in die Tiefe.
Nicht mit so vielen?
Für einen kurzen, hässlichen Augenblick fragte er sich, ob sein Vater wollte, dass er scheiterte. Dass er draußen irgendwo zwischen fremden Grenzen, Orks und Dingen aus dem Schreckenswald endete, ohne dass jemand es rechtzeitig bemerkte.
Der Gedanke war ungerecht.
Er kam trotzdem.
„Vater, dagegen muss ich klar widersprechen. Wie soll ich-?“
Jugora hob eine Hand.
Balura verstummte.
Die Geste war klein, aber sie schnitt durch seinen Satz, als hätte jemand eine Klinge zwischen die Worte geschoben.
„Balura.“
Sein Vater sah ihn so ernst an, dass Balura sich unwillkürlich aufrichtete.
„Dieser Auftrag ist wichtig. Wichtiger, als du bisher begreifst. Du wurdest erzogen, Verantwortung für dieses Reich zu tragen. Und eines Tages wirst du Entscheidungen treffen müssen, deren Folgen weiter reichen als die Mauern dieser Stadt.“
Balura sagte nichts.
„Erinnerst du dich an deinen Geschichtsunterricht über den Schwarzen Schrecken?“
Die Frage traf ihn unerwartet.
Sein Blick glitt von Jugora zur Weltkarte an der Wand.
„Ja“, sagte er langsam. „Als der Schwarze Schrecken fiel, entstand der Schreckenswald. Dort, wo bei der letzten Schlacht zu viel Magie freigesetzt wurde. Land, Luft, Wasser, alles wurde verändert.“
Jugora schwieg.
Balura fuhr fort, vorsichtiger nun.
„Man nennt ihn einen Wald, aber...“ Er suchte nach den richtigen Worten. „Eigentlich ist das Wort zu klein. Er ist größer als Atäerya. Größer als manches Reich. Kein Sterblicher hat es je geschafft, ihn zu durchqueren und lebend zurückzukehren.“
Bei den letzten Worten spürte er etwas.
Nur einen Hauch.
Ein Ziehen tief in der Brust. Nicht Schmerz. Nicht wirklich. Eher wie eine Erinnerung an etwas, das er nie erlebt hatte. Kälte lief ihm über den Rücken, obwohl das Arbeitszimmer warm war.
Er blinzelte.
Jugora beobachtete ihn.
„Seit jeher dringen Gefahren aus diesem Wald“, sagte Balura weiter, leiser. „Das letzte Mal vor etwa neunhundert Jahren. Damals stand die Welt kurz vor dem Fall. Viele Reiche brachen. Atäerya blieb eines der letzten freien Länder und schlug die Saat des Schreckens zurück.“
Er hielt inne.
„Manche behaupten, mit Hilfe eines Drachen.“
Für einen Moment war nur das ferne Rascheln der Blätter auf der Terrasse zu hören.
Jugoras Gesicht verriet nichts.
„Es gibt Anzeichen, Balura“, sagte er schließlich. „Anzeichen, dass es sich wiederholt.“
Balura fuhr vor. „Was für Anzeichen? Der Schreckenswald...?“
Er sprach nicht zu Ende.
Der Name lag plötzlich schwer im Raum.
Jugora verschränkte die Hände vor sich.
„Was in Rentoka geschieht, sind die ersten Anzeichen. Der Wald streckt seine Fühler aus.“
Balura spürte, wie sein Puls schneller wurde.
„Deine Mission ist nicht nur, den Prinzen zu retten.“
„Was dann?“
Seine Stimme klang schärfer, als er beabsichtigt hatte.
Jugora nahm es ihm nicht übel. Oder er zeigte es nicht.
„Deine Aufgabe ist es, Vorkehrungen zu treffen, damit die Welt bestmöglich vorbereitet ist.“
Balura starrte ihn an.
„Wir“, begann Jugora, dann hielt er inne. Für einen winzigen Moment wirkte es, als korrigiere er nicht nur ein Wort, sondern einen ganzen Gedanken. „Du wirst helfen, den rechtmäßigen König wieder auf seinen Thron zu setzen und Rentoka zu einen. Du wirst lernen, Verbündete zu erkennen. Und du wirst auf deinem Weg weiter ausgebildet werden, damit du Verantwortung tragen kannst, wenn sie dir zufällt.“
Baluras Mund war trocken.
Das war größer als ein Auftrag.
Größer als ein Prinz.
Größer als Rentoka.
„Mein bester Spion“, sagte Jugora, „berichtete von Wesen, die wie Menschen gehen, sich wie Menschen rüsten und Waffen tragen. Echsenhafte Gestalten. Keine Orks. Keine Menschen. Ungeheuer, die aus dem Schreckenswald gedrungen sind und die Orks auf irgendeine Weise beeinflusst haben.“
„Beeinflusst?“ Balura beugte sich vor. „Mit Magie? Mit Versprechen? Sind sie für die Übernahme in Rentoka verantwortlich?“
Die Vorstellung ließ ihn schaudern.
Wesen aus dem Schreckenswald, die ganze Orkheere überzeugen konnten.
Oder beugen.
Oder verführen.
„Mit hoher Wahrscheinlichkeit“, sagte Jugora.
Draußen zwitscherten Vögel in den Terrassengärten. Das Geräusch wirkte plötzlich unpassend. Zu hell für das, worüber sie sprachen.
Ein Schatten glitt über den Boden.
Balura sah auf.
Ein kleiner Raubvogel zog an der offenen Terrassentür vorbei, schlug die Flügel und landete auf der steinernen Brüstung. Er schüttelte das Gefieder, wandte den Kopf und stieß einen scharfen Schrei aus.
Jugora blickte nicht zu ihm.
Als er weitersprach, war seine Stimme langsamer als zuvor.
„Bisher haben die Orks, die von diesen Echsenmenschen angeführt oder beraten werden, Rentoka eingenommen. Sie scheinen das Reich zu stabilisieren, neue Soldaten zu sammeln und ihre Herrschaft zu festigen.“
Balura stand auf.
Er konnte nicht mehr sitzen.
Er ging ein paar Schritte auf und ab, den Blick gesenkt, die Gedanken schneller als seine Füße.
„Sie wollen ihr neues Gebiet sichern“, sagte er. „Dann expandieren. Vermutlich nicht sofort, sondern sobald Rentoka ihnen genug Männer, Vorräte und Wege bietet.“
Jugora sagte nichts.
Balura drehte sich zu ihm um.
„Dann brauchen wir den Prinzen. Nicht nur, um ihn zu retten. Wenn er der rechtmäßige Erbe ist, kann man Rentoka wieder um ihn sammeln. Mit ihm können wir offiziell gegen die Besetzer vorgehen. Ohne ihn sieht jeder Eingriff aus wie eine fremde Einmischung.“
Er wurde schneller.
„Gleichzeitig müssen wir andere Reiche suchen, denen wir vertrauen können. Besonders die, die nahe an Rentoka liegen. Sie müssten selbst Interesse daran haben, dass diese Echsenmenschen nicht weiter vordringen.“
Jugora sah ihn lange an.
Dann stand er auf.
Balura verstummte.
Sein Vater ging nicht zur Karte. Auch nicht zu einem der Regale. Er wandte sich einer Truhe zu, die in einer dunkleren Ecke des Raumes stand. Sie war schlicht, aber mit schweren Eisenbändern beschlagen. Jugora öffnete sie, griff hinein und holte einen länglichen Gegenstand heraus.
Er war in dunkelroten Stoff gehüllt.
Samt oder Seide. Balura konnte es nicht erkennen.
Jugora schloss die Truhe wieder.
Dann kam er zu ihm zurück.
Er sagte kein Wort.
Als Balura seinen Blick traf, erschrak er.
Das war nicht das Gesicht des Vaters, der eben gelacht hatte. Nicht einmal nur das Gesicht des Königs, der über Rentoka sprach.
Es war das Gesicht eines Mannes, der etwas übergab, das mehr war als ein Gegenstand.
„Das hier“, sagte Jugora, „habe ich nach deiner Prüfung anfertigen lassen.“
Balura schluckte.
„Nach welcher Prüfung?“
Jugora antwortete nicht sofort.
Balura machte einen Schritt vor. Langsam hob er die Hand und legte sie um den eingewickelten Gegenstand.
Jugora ließ los.
Das Gewicht sank in Baluras Hand.
Schwerer, als er erwartet hatte.
Ein Schwert.
Natürlich war es ein Schwert.
Trotzdem brauchte sein Verstand einen Atemzug, um es zu begreifen.
Balura zog den Stoff zur Seite.
Dunkles Leder kam zum Vorschein. Die Scheide war kunstvoll gearbeitet, aber nicht prunkvoll. Keine überladenen Edelsteine, keine goldenen Schnörkel, die nur für Augen gemacht waren. Stattdessen feine Linien, Muster, die ineinanderliefen, als folgten sie einer Ordnung, die er nicht ganz verstand.
Am oberen Rand waren Zeichen eingelassen.
Balura kannte sie aus alten Unterrichtsstunden. Bruchstücke der Sprache der alten Götter, die kaum noch jemand wirklich sprach. Er konnte sie nicht wie gewöhnliche Schrift lesen. Mehr ahnen als verstehen.
Und doch formte sich ein Wort in ihm.
Elyndhaor.
Sein Herz schlug schneller.
Er hob den Blick zur Parierstange.
Ein Drache.
Nicht groß und schwerfällig, sondern lang, schlank und voller Bewegung. Seine Flügel bildeten die Parierstange, ausgebreitet, als hielten sie etwas zurück. Aus seinem geöffneten Maul trat die Klinge hervor, schmal am Ansatz und sich zur Spitze hin verjüngend. In das Metall waren feine Muster eingraviert, so zart, dass sie im Licht beinahe zu fließen schienen.
Der Leib des Drachen bildete den Griff. Schuppen lagen übereinander, so sauber gearbeitet, dass Balura mit dem Daumen darüberfuhr, bevor er es bemerkte. Der Schwanz kringelte sich am Ende um einen violett leuchtenden Edelstein.
Der Stein glomm nur schwach.
Oder Balura bildete es sich ein.
„Ist das wirklich für mich?“
Seine Stimme war leiser geworden.
Jugora nickte.
„Du hast es dir verdient. Nach deiner damaligen Schwertprüfung hätte ich es dir schon geben können. Nach der heutigen Prüfung weiß ich, dass du es tragen darfst.“
„Heute?“
„Nicht jede Prüfung findet mit einer Klinge statt.“
Balura sah wieder auf das Schwert.
Seine Finger schlossen sich fester um den Griff.
Ein Teil von ihm wollte etwas Kluges sagen. Etwas Würdiges. Etwas, das zu einem Schwert passte, das den Namen Elyndhaor trug und aus den Händen seines Vaters kam.
Stattdessen brachte er nur hervor: „Danke.“
Jugoras Blick wurde für einen Moment weicher.
„Außerdem“, begann er, „habe ich noch etwas für dich.“
Balura sah auf.
„Noch etwas?“
„Jemanden.“
„Wen?“
Jugora legte die Hände hinter den Rücken.
„Deinen neuen Meister.“
Balura blinzelte. „Meinen Meister?“
„Ja. Du wirst mit ihm den Prinzen finden und er wird dich weiter ausbilden.“
„Dann entscheidet er, wohin wir gehen?“
„Nein.“
Die Antwort kam sofort.
Balura sah seinen Vater fragend an.
„Er wird dich führen, wenn du Führung brauchst“, sagte Jugora. „Aber er wird nicht für dich leben. Du trägst die Verantwortung für das, was du beginnst.“
Das Gewicht des Schwertes wurde plötzlich deutlicher.
Nicht schwerer.
Nur wirklicher.
Balura verstand, was sein Vater ihm gab. Nicht Freiheit. Nicht ganz. Auch nicht nur Vertrauen.
Verantwortung.
Und er war dankbar dafür.
Mehr, als er zeigen konnte.
„Wo finde ich diesen Mann?“
Jugora griff nach einem gefalteten Schreiben, das auf dem Tisch lag, und reichte es ihm.
„Am Tag deiner Abreise wartet er in einem Wirtshaus nahe der nördlichen Mauer. Nicht weit vom Tor.“
Balura nahm das Schreiben entgegen.
„Und das?“
„Eine schriftliche Befugnis für alles Notwendige. Vorräte, Ausrüstung, Mittel. Du wirst nicht ohne Unterstützung reisen. Nur nicht mit der Art Unterstützung, die du dir vorgestellt hast.“
Balura nickte langsam.
Jugoras Gesicht veränderte sich.
Der Vater trat zurück.
Der König blieb.
„Geh jetzt. Bereite dich vor.“
Der Ton ließ keinen Widerspruch zu. Das Gespräch war beendet.
Balura verneigte sich nicht tief. Nicht wie vor dem Thron. Aber er neigte den Kopf.
„Danke, Vater.“
Jugora antwortete nicht.
Doch als Balura sich zur Tür wandte, spürte er den Blick seines Vaters auf dem Rücken.
Er ging durch den langen vorderen Teil des Arbeitszimmers, vorbei an den Regalen und der marmornen Karte. Erst an der Tür hielt er kurz inne.
Seine Hand lag auf dem Schwert.
Dann trat er hinaus.
Im Gang atmete er tief ein.
Das Erfolgsgefühl kam erst dort.
Nicht sofort. Es stieg langsam auf, dann plötzlich stärker, bis er kaum verhindern konnte, dass sich ein Grinsen auf sein Gesicht schlich. Er hatte eine Befugnis. Ein Schwert. Einen Meister. Nicht die Männer, die er gefordert hatte, aber etwas anderes. Etwas Größeres vielleicht.
Elyndhaor.
Er verstand den Namen nicht wirklich. Nicht die Zeichen, nicht die Geschichte dahinter. Aber er fühlte ihn an seiner Hüfte, schwer und fremd und wunderbar.
Balura hob das Kinn und ging den Korridor hinab.
Zuerst zum Schatzmeister.
Nicht zur Schatzkammer selbst, natürlich nicht. Selbst mit königlicher Befugnis spazierte man nicht einfach hinein und füllte Beutel mit Gold. Aber Vorräte mussten bezahlt werden. Heiltränke. Nahrung. Karten. Vielleicht ein zweites Paar Stiefel. Vielleicht Seile, trockene Tücher, Feuerstein, Nadeln, Verbände.
Vielleicht mehr, als sein Vater für nötig hielt.
Er war gerade dabei, in Gedanken eine Liste zusammenzustellen, als hinter der nächsten Ecke etwas Kleines mit voller Wucht gegen ihn prallte.
„Au!“
Balura machte einen Schritt zurück, fing sich und sah hinunter.
Elina saß auf dem Boden.
Ihr Kleid war verrutscht, eine Schleife hing schief, und ihr Gesicht zeigte zuerst Empörung, dann Überraschung und schließlich ein Lächeln, als hätte sie gerade ein besonders gelungenes Versteckspiel beendet.
„Entschuldige“, sagte Balura und ging vor ihr in die Hocke. „Warum rennst du denn so?“
„Ich bin nicht gerannt.“
„Nein?“
„Ich war schnell.“
„Das ist natürlich etwas völlig anderes.“
Er half ihr auf die Beine und klopfte ihr vorsichtig Staub von den Kleidern. „Alles gut?“
Elina nickte, dann fiel ihr Blick auf seine Hüfte.
Ihre Augen wurden groß.
„Ist das ein echtes Schwert?“
Balura konnte nicht anders. Er lächelte.
„Nein. Ein sehr langes Messer für sehr großes Brot.“
Elina sah ihn streng an. „Du lügst.“
„Ein bisschen.“
„Darfst du das haben?“
„Anscheinend.“
Sie streckte die Hand aus, zog sie aber sofort wieder zurück, als hätte das Schwert sie angesehen.
„Oh.“ Dann runzelte sie die Stirn. „Sag mal, Bruder... gehst du lange fort?“
Das Grinsen in Baluras Gesicht wurde schwächer.
So einfach fragte sie es.
Nicht nach Rentoka. Nicht nach Orks. Nicht nach dem Schreckenswald. Nicht nach Echsenmenschen, Befugnissen oder Meistern.
Nur das.
Gehst du lange fort?
„Einige Wochen“, sagte er. „Vielleicht Monate.“
Elinas Mund öffnete sich.
„So lange?“
Balura nickte.
Sie sah ihn an, als habe er ihr gerade erklärt, dass der Sommer ausfallen würde.
„Aber wir wollten doch noch in dieses... dieses... Mu-som.“
„Museum.“
„Das habe ich gesagt.“
„Fast.“
Elina verschränkte die Arme. „Du weißt, was ich meine.“
„Ja.“ Balura lachte leise. „Drachen anschauen.“
„Genau!“ Ihre Augen leuchteten sofort wieder. „Die großen. Und die Knochen. Und das Bild mit dem Feuer.“
Balura dachte an den Prolog in der Bibliothek, an alte Aufzeichnungen, an die Drachen, von denen in Liedern nur noch Schatten geblieben waren. Dann dachte er an das Schwert an seiner Hüfte.
An die Flügel der Parierstange.
An den Schreckenswald.
„Pass auf“, sagte er. „Morgen nach dem Mittag gehen wir ins Museum. Du, ich und Luna.“
Elina sah aus, als habe er ihr einen Teil des Himmels versprochen.
„Wirklich?“
„Wirklich.“
„Du darfst nicht vergessen.“
„Ich vergesse es nicht.“
Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick misstrauisch, dann nickte sie sehr ernst. „Gut.“
Balura richtete sich auf. „Und jetzt hilfst du mir. Ich muss Mutter finden.“
„Mama ist bei Marlon.“
„Bei Marlon?“
Elina griff nach seiner Hand und zog daran. Für ihren kleinen Körper legte sie erstaunlich viel Entschlossenheit hinein.
„Ja. Der Blödmann wollte schon wieder durchs Feuer gehen.“
Balura blieb beinahe stehen.
„Schon wieder?“
Elina nickte knapp.
Und grinste dabei.
Sie zog ihn weiter, durch einen Seitengang, dann über eine schmale Galerie, von der man hinunter in einen kleineren Innenhof sehen konnte. Dort standen zwei Wachen im Gespräch. Einer von ihnen sah auf, als Elina mit Balura im Schlepptau vorbeieilte, und musste sich ein Lächeln verkneifen.
Balura ließ sich ziehen.
Das Schwert schlug ungewohnt gegen seine Hüfte.
Mit jedem Schritt wurde das Gefühl in ihm seltsamer. Eben noch hatte er vor seinem Vater gestanden, über Rentoka gesprochen und die Wiedervereinigung eines Orkreichs durchdacht. Jetzt hielt seine kleine Schwester seine Hand und erklärte ihm unterwegs, dass Marlon ein Blödmann sei, weil er offenbar beschlossen hatte, seine Füße dem Feuer zu überlassen.
Das war der Palast.
Das war Zuhause.
Nicht nur Mauern, Wachen und Kartenräume.
Auch Elina, die zu schnell um Ecken bog.
Marlon, der Dinge ausprobierte, auf die kein vernünftiger Mensch kommen würde.
Luna, die Äpfel stahl und behauptete, sie seien ihr in den Mund geflogen.
Oynara, die jedes Chaos mit einem Blick beruhigen konnte.
Elina blieb vor einer Tür stehen, holte nicht einmal Luft und stieß sie auf.
Licht strömte in den schattigen Korridor.
„Hallo, Marlon!“, rief sie fröhlich. „Hast du dir wieder die Beine verbrannt?“
„Elina“, sagte Oynaras Stimme aus dem Zimmer. „Nicht so laut.“
Balura trat hinter ihr über die Schwelle.
Marlons Gemach lag auf der Südseite des Palastes und war heller als Baluras Zimmer. Durch die hohen Fenster fiel warmes Licht auf einen Teppich, der fast die gesamte Mitte des Raumes bedeckte. Auf einer Kommode lagen Holzfiguren, ein zerlegtes kleines Radwerk und mehrere Steine, die Marlon vermutlich für irgendeinen Zweck gesammelt hatte, den nur er verstand. An der Wand hing ein Übungsschwert, viel zu klein für Balura und viel zu groß für Elina.
Auf dem Bett saß Marlon.
Er hatte die Lippen fest aufeinandergepresst und tat so, als sei alles vollkommen in Ordnung. Ein Heilmagier kniete vor ihm und führte die Hände langsam über seine Schienbeine. Zwischen seinen Fingern glomm ein weiches, helles Licht. Die Haut darunter war gerötet, an einigen Stellen dunkler, aber nicht so schlimm, wie Elinas Begeisterung hatte vermuten lassen.
Oynara saß neben Marlon auf dem Bett.
Als Balura eintrat, hob sie den Blick.
Für einen Moment sah sie nur ihn.
Dann sah sie das Schwert.
Etwas veränderte sich in ihrem Gesicht. Nicht stark. Nicht so, dass Elina es bemerkt hätte. Aber Balura sah es.
Ein Atemzug von Sorge.
Dann war er verschwunden.
„Marlon“, sagte Balura und verschränkte die Arme. „Wann gibst du es auf?“
Marlon sah beleidigt zu ihm auf. „Gar nicht.“
„Das hatte ich befürchtet.“
„Mutter hat gesagt“, begann Marlon, und in seiner Stimme lag die ernste Überzeugung eines Kindes, das sich auf ein unwiderlegbares Gesetz berief, „dass jedes Lebewesen den Weg zur Quelle finden kann.“
Balura hob eine Braue.
„Also gehst du durchs Feuer?“
„Nicht durchs Feuer.“ Marlon verzog das Gesicht, als sei Balura derjenige, der hier nichts verstand. „Nur darüber.“
Elina kicherte.
Der Heilmagier schloss kurz die Augen, als bete er um Geduld.
Oynara strich Marlon eine Haarsträhne aus der Stirn. „Ich sagte auch, dass man den Weg zur Quelle nicht findet, indem man versucht, schneller zu sein als eine Flamme.“
„Aber Feuer ist auch ein Weg“, murmelte Marlon.
„Feuer ist zuerst einmal heiß“, sagte Balura.
„Das weiß ich jetzt.“
Elina lachte so hell, dass sogar der Heilmagier den Mundwinkel hob.
Balura setzte sich auf die Kante eines Stuhls und betrachtete seinen kleinen Bruder. Marlon versuchte, tapfer auszusehen, doch jedes Mal, wenn das Licht des Heilmagiers über eine empfindliche Stelle glitt, zuckte er kaum merklich zusammen.
„Tut es sehr weh?“
Marlon schnaubte. „Nein.“
Oynara sah ihn an.
„Ein bisschen“, gab er zu.
„Gut“, sagte Balura.
Marlon starrte ihn empört an. „Gut?“
„Wenn es nicht wehtun würde, würdest du es morgen wieder tun.“
„Vielleicht tue ich es trotzdem.“
„Dann bist du dümmer als Elina sagt.“
„Ich habe Blödmann gesagt“, warf Elina ein.
„Noch besser.“
Marlon versuchte zu grinsen und verlor es sofort, als der Heilmagier seine Hände etwas tiefer führte.
Baluras Lächeln wurde weicher.
„Ich gehe bald fort“, sagte er.
Marlon sah auf.
Das Trotzige in seinem Gesicht verschwand nicht ganz, aber es wurde dünner.
„Wegen der Orks?“
Balura nickte.
„Auch.“
„Darfst du kämpfen?“
„Ich hoffe, dass ich nicht muss.“
Marlon verzog den Mund. „Das klingt nicht wie du.“
Balura wollte antworten, doch die Worte blieben kurz aus. Vor wenigen Stunden hätte er vielleicht gelacht und etwas gesagt wie: Wenn ich muss, dann gewinne ich. Jetzt lag das Schwert an seiner Hüfte, und in seinem Kopf waren Jugoras Worte.
Nur ein Narr hat keine Angst.
„Vielleicht lerne ich gerade dazu“, sagte er schließlich.
Marlon sah ihn an, als wisse er nicht, ob das gut oder enttäuschend war.
„Bringst du mir etwas mit?“
„Was denn?“
„Etwas aus dem Orkreich.“
Oynara hob warnend den Blick.
Balura bemerkte es.
„Etwas Kleines“, sagte er. „Und ungefährliches.“
Marlon nickte. „Ein Stein reicht.“
„Du hast schon sehr viele Steine.“
„Keinen aus Rentoka.“
„Gut. Einen Stein.“
Marlon wirkte zufrieden.
Der Heilmagier senkte die Hände. Das Licht zwischen seinen Fingern erlosch langsam.
„Die Haut wird sich bis zum Abend beruhigt haben“, sagte er. „Aber er soll heute nicht laufen, springen, klettern oder versuchen, Elemente zu überzeugen.“
„Ich habe nicht versucht, sie zu überzeugen“, sagte Marlon.
Der Heilmagier sah ihn an.
„Nur ein bisschen“, murmelte Marlon.
Oynara dankte dem Magier. Er verneigte sich, sammelte seine kleine Ledertasche auf und verließ den Raum.
Einen Moment lang blieb es ruhig.
Dann stand Oynara auf.
„Elina“, sagte sie, „bleib bitte bei Marlon und sorge dafür, dass er nicht auf die Idee kommt, seine Füße gegen den Teppich zu prüfen.“
Elina salutierte so schlecht, dass es Absicht sein musste. „Ja, Mama.“
Marlon stöhnte.
Oynara trat zu Balura.
„Komm.“
Sie führte ihn nicht weit. Nur in die kleine Fensternische auf der anderen Seite des Zimmers, wo das Licht wärmer fiel und die Stimmen der jüngeren Geschwister leiser wurden. Balura folgte ihr und spürte plötzlich wieder, wie schwer das Schwert an seiner Seite hing.
Oynara sah es an.
Dann sah sie ihn an.
„Dein Vater hat es dir gegeben.“
Balura nickte.
„Ja.“
„Dann hat er mehr gesagt, als er zugeben würde.“
Balura wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
Oynara hob die Hand und strich ihm eine Strähne aus der Stirn. Genau wie früher. Nur dass er sich diesmal nicht wegduckte, nicht lachte und auch nicht behauptete, er sei zu alt dafür.
„Du bist gekommen, um dich zu verabschieden“, sagte sie.
Es war keine Frage.
Balura sah kurz zu Marlon und Elina hinüber. Elina erklärte gerade mit ernster Miene, dass Marlon niemals ein Feenmagier werden könne, wenn er vorher seine Füße verliere. Marlon erklärte zurück, dass Feenmagier gar nicht mit Füßen zauberten.
„Ich weiß nicht“, sagte Balura leise. „Vielleicht.“
Oynaras Gesicht wurde weich.
„Nicht jetzt.“
Er sah sie an.
„Nicht zwischen verbrannten Beinen, schiefen Schleifen und einem Schwert, das du noch nicht einmal richtig getragen hast.“
Er musste trotz allem beinahe lächeln.
Oynara legte ihm die Hand an die Wange.
„Wenn du dich verabschiedest, dann richtig. Am Morgen deiner Abreise.“
Das Lächeln blieb ihm im Hals stecken.
Der Morgen seiner Abreise.
Bis eben war dieser Morgen ein Punkt gewesen. Ein Datum. Etwas, das in Plänen stand und hinter dem Wort bald verborgen lag.
Jetzt bekam er eine Form.
Er sah Oynara an und merkte, dass sie ihn nicht festhielt. Nicht mit Worten. Nicht mit Tränen. Nicht einmal mit diesem Blick, der ihn als Kind manchmal dazu gebracht hatte, alles zu gestehen, bevor er überhaupt gefragt worden war.
Sie ließ ihn gehen.
Gerade das machte es schwerer.
„Morgen nach dem Mittag gehe ich mit Elina und Luna ins Museum“, sagte er, weil er irgendetwas sagen musste. „Drachen anschauen.“
Oynaras Hand blieb an seiner Wange.
Für einen Augenblick war da wieder dieser Schatten in ihren Augen.
Dann lächelte sie.
„Dann geh mit ihnen.“
„Du kommst nicht mit?“
„Vielleicht.“ Sie sah zu Marlon. „Wenn niemand versucht, die Quelle durch offene Flammen zu finden.“
Balura nickte.
Oynara zog ihn kurz an sich.
Nicht lange. Nicht wie einen kleinen Jungen. Aber auch nicht wie einen Prinzen.
Wie ihren Sohn.
Als sie ihn losließ, blieb ihre Hand noch einen Moment auf seiner Schulter.
„Bereite dich vor“, sagte sie leise. „Aber vergiss nicht, heute noch hier zu sein.“
Balura verstand nicht sofort.
Dann doch.
Hier.
Nicht in Rentoka. Nicht im Schreckenswald. Nicht bei dem unbekannten Meister am Nordtor.
Hier.
Bei Elina, die lachte.
Bei Marlon, der seine verbrannten Beine unter einer Decke versteckte und so tat, als sei nichts geschehen.
Bei Oynara, die ihn ansah, als könnte sie ihn noch einmal ganz in sich aufnehmen und dennoch wusste, dass sie es nicht durfte.
Balura legte die Hand auf den Griff seines Schwertes.
Das Gewicht war noch da.
Aber es war nicht mehr das Einzige.
„Ja“, sagte er.
Oynara nickte.
Hinter ihnen rief Elina: „Balura! Wenn Marlon morgen nicht laufen darf, darf er dann trotzdem ins Museum kriechen?“
„Ich kann laufen!“, protestierte Marlon.
„Nein“, sagte Oynara.
„Dann trage ich ihn“, sagte Balura.
Oynara sah ihn an.
Dann lachte sie.
Nicht laut. Nur kurz. Aber es war genug.
Balura drehte sich zu seinen Geschwistern um und spürte, wie etwas in ihm leichter wurde, ohne dass die Schwere verschwand.
Der Abschied wartete.
Aber noch nicht jetzt.
Noch war er hier.