Der Speisesaal roch noch nach warmem Brot, gebratenem Fleisch und den süßen Früchten, die nach dem Abendessen auf der Tafel zurückgeblieben waren.
Jugora stand am Fenster.
Unter ihm lag Atäerya.
Die Stadt war ruhiger geworden. Nicht still, das wurde sie nie. Irgendwo schlug eine Tür. In einer Seitengasse rief jemand nach einem Kind. Weiter unten bewegten sich Lichter durch die Straßen, klein und golden, als trügen die Menschen Sterne in den Händen.
Für einen Augenblick sah alles friedlich aus.
Das machte es schlimmer.
Jugora legte die Hand gegen den kalten Fensterrahmen und blickte über die Dächer hinweg. Er wusste, dass seine Entscheidung Folgen haben würde. Nicht nur für ihn. Nicht nur für Rentoka. Nicht nur für die Männer, die an Grenzen standen und Befehle erwarteten.
Für Balura.
Der Gedanke hatte sich den ganzen Abend an ihn gehängt. Selbst beim Essen. Selbst während Balura versucht hatte, ruhig zu wirken, und dabei nur noch jünger ausgesehen hatte.
Sechzehn.
Noch immer sechzehn.
Hinter ihm schob sich ein Stuhl leise über den Boden.
„Der Angriff auf Rentoka", sagte Oynara.
Ihre Stimme war leise. Dennoch lag nichts Fragendes darin.
Jugora schloss für einen Atemzug die Augen.
Natürlich wusste sie es.
Oynara wusste immer, wenn er eine neue Last mit in diesen Raum brachte. Er musste sie ihr nicht zeigen. Er musste nicht von Berichten sprechen, nicht von Karten, nicht von Boten, die mitten in der Nacht vor den Toren standen. Sie hörte es an seiner Stimme. An seinen Schritten. An der Art, wie er am Fenster stand und so tat, als sähe er nur die Stadt.
„Du wusstest, dass es geschieht", sagte sie.
Jugora antwortete nicht sofort.
Auf der Tafel flackerte eine Kerze. Ihr Licht zitterte über silberne Teller, halb geleerte Becher und die Krone, die er nach dem Essen abgelegt hatte. Sie lag dort, als sei sie nur ein Stück Metall.
Manchmal wünschte er, sie wäre genau das.
„Ich wusste, dass es kommen würde", sagte er schließlich. „Nicht wann. Nicht so schnell."
Oynara trat näher.
Er sah ihre Spiegelung im dunklen Fensterglas, bevor er sie neben sich spürte. Ihr Kleid rauschte kaum hörbar über den Steinboden. Ein sanfter Duft, den er seit Jahren kannte, mischte sich unter den Geruch des Abendessens.
Für einen Moment sagte sie nichts.
Dann legte sie ihre Hand auf seinen Arm.
„Und Balura?"
Da war es.
Nicht Rentoka. Nicht die Orks. Nicht die Grenzen.
Balura.
Jugora wandte den Blick nicht von der Stadt ab.
„Er wird älter."
„Das ist keine Antwort."
„Nein."
„Dann gib mir eine."
Er atmete langsam aus.
„Es wird Zeit, dass er vorbereitet wird."
Oynaras Finger wurden fester um seinen Arm. Nicht hart. Nur bestimmt.
„Wir haben dieses Gespräch schon geführt."
„Ich weiß."
„Mehr als einmal."
„Ich weiß."
„Und jedes Mal hast du mir gesagt, dass noch Zeit bleibt."
Jugora senkte den Blick.
Unten in der Stadt verlöschte ein Licht. Gleich darauf ging in einem anderen Haus eines an. Ein kleines, gewöhnliches Zeichen. Jemand, der schlafen ging. Jemand, der aufstand. Ein Leben, das sich weiterbewegte, ohne zu wissen, dass Könige in stillen Sälen über Wege entschieden, die niemand zurücknehmen konnte.
„Diesmal nicht", sagte er.
Oynara zog ihre Hand zurück.
Das tat mehr weh, als er erwartet hatte.
„Was geschieht, sobald er der Wahrheit begegnet?", fragte sie.
Jugora drehte sich zu ihr um.
Sie stand sehr gerade vor ihm. In ihren grünen Augen lag Sorge, aber keine Schwäche. Oynara war nie schwach gewesen. Sanft, ja. Gütig. Geduldig auf eine Weise, die ihn manchmal beschämte.
Aber nicht schwach.
„Dann muss er stark genug sein, nicht daran zu zerbrechen", sagte Jugora.
Sie sah ihn lange an.
„Und wenn er es nicht ist?"
Jugora wollte antworten.
Er fand keine Worte, die nicht wie Lüge klangen.
Oynaras Gesicht wurde weicher. Sie trat wieder näher, nahm seine Hände und hielt sie zwischen ihren.
„Du hast dein Möglichstes getan", sagte sie.
Er lachte nicht. Aber etwas in seiner Brust zog sich zusammen.
„Das weiß ich nicht."
„Doch." Sie hob leicht den Kopf. „Wir haben unser Möglichstes getan."
Dieses Wir traf ihn.
Nicht, weil es tröstete. Sondern weil es wahr war.
Er sah auf ihre Hände. Seine waren größer, schwerer, von Ringen und alten Narben gezeichnet. Ihre wirkten daneben fast zu schmal für das Gewicht, das sie seit Jahren mittrug.
„Ich hätte ihn länger schützen wollen", sagte er.
„Ich auch."
Einen Atemzug lang war der Saal nur ein Raum. Kein Ort der Krone. Kein Ort der Entscheidungen. Nur ein Mann und eine Frau, die ein Kind liebten, das nicht mehr im Palast bleiben durfte.
Dann räusperte sich jemand.
Jugora fuhr nicht zusammen.
Nicht sichtbar.
Innerlich schon.
Oynara erschrak deutlicher. Ihre Hand schloss sich fester um seine, bevor sie sich fing.
„Verzeiht mir", sagte eine vertraute Stimme aus dem Schatten, „meine Störung."
Eine kurze Pause.
„Und das Gelausche."
Jugora wandte sich langsam um.
Neben der großen Kommode aus dunklem Eichenholz stand ein Mann.
Er hätte nicht dort stehen dürfen.
Nicht, weil es verboten gewesen wäre. Sondern weil niemand unbemerkt in diesen Saal gelangte. Nicht durch die Tür, nicht durch die Korridore, nicht vorbei an Wachen, Dienern und den leisen Zaubern, die in den Mauern lagen.
Der Mann stand trotzdem dort.
Wie immer.
Er trug einen langen, dunklen Mantel, dessen Saum bis zu seinen Stiefeln fiel. Der Stoff wirkte schwer, schlicht und alt. Kein Schmuck. Kein Zeichen eines Hauses. Keine Farbe, die ihn zu einem Reich zählen ließ.
Das Kerzenlicht berührte nur eine Hälfte seines Gesichts.
Die andere blieb im Schatten.
„Du bist früh", sagte Jugora.
Der Mann trat einen Schritt vor.
„Nur ein wenig."
„Warst du beim Abendessen schon hier?"
„Kurz."
Jugora hob eine Braue.
„Lange genug", sagte der Mann, „um zu hören, dass dein Sohn auf einer Karte schneller erkennt, wo eine Grenze bricht, als manche Männer, die dafür bezahlt werden."
Oynara sah zu Jugora.
Jugora setzte sich langsam an die Tafel. Der Stuhl gab unter seinem Gewicht ein leises Knarren von sich.
„Er denkt weiter, als er sollte", sagte er.
„Nein", antwortete der Mann. „Er denkt genau so weit, wie er muss."
Oynara blieb stehen. Ihr Blick ruhte auf dem Mann im Mantel. Sie sah ihn nicht an wie einen Fremden. Auch nicht wie einen Freund. Eher wie jemanden, dessen Nähe man akzeptierte, weil sie notwendig war, ohne sich je ganz an sie zu gewöhnen.
„Und du glaubst, das macht es sicherer für ihn?", fragte sie.
Der Mann schwieg kurz.
„Nein."
Oynara blinzelte.
Jugora sah auf.
Der Mann ließ den Blick nicht sinken.
„Aber es macht ihn weniger blind."
Der Satz blieb zwischen ihnen stehen.
Draußen heulte der Wind über die Stadt. Es war eine frische Briese. Nur ein paar Lichter flackerten in der Ferne.
„Setz dich", sagte Jugora.
Der Mann sah zur Tafel.
Dort standen noch Schalen mit kaltem Fleisch, Brot und dunklen Trauben. Ein Becher Wein war um einen Fingerbreit gefüllt. Daneben lag ein Messer, das niemand benutzt hatte.
„Ich stehe lieber."
„Natürlich tust du das."
Für einen Augenblick zeichnete sich etwas wie ein Lächeln den Mund des Mannes.
Dann war es fort.
Jugora lehnte sich zurück und betrachtete ihn. Wie oft hatte er diesen Mann schon in Räumen stehen sehen, in denen er nicht hätte sein können? Wie oft hatte er Botschaften gebracht, bevor Boten eingetroffen waren? Wie oft hatte er Namen genannt, bevor Verrat begangen wurde?
Früher hatte Jugora ihn gefürchtet.
Dann hatte er gelernt, ihn zu schätzen.
Jugora atmete ruhig aus.
Vor ihm stand ein Mann, der schon zu Zeiten seines Großvaters alt gewesen war. Nicht alt wie ein Greis. Alt wie etwas, das zu viel gesehen hatte, um noch an einfache Siege zu glauben.
Und doch sah man es ihm kaum an.
„Du bist nicht nur wegen Rentoka hier", sagte Jugora.
Der Mann neigte den Kopf kaum merklich.
„Nein."
Oynaras Blick wanderte von einem zum anderen.
Jugora legte die Hand auf den Rand des Tisches. Das Holz war glatt unter seinen Fingern.
„Glaubst du, der Schreckenswald regt sich?"
Der Mann antwortete nicht sofort.
Das genügte.
Oynara wandte sich ab.
„Ja", sagte der Mann schließlich.
Das Wort war leise.
Aber es nahm dem Raum die Wärme.
Jugora sah zu seiner Gemahlin. Sie stand mit dem Rücken zu ihnen. Eine Hand ruhte an der Tischkante, als müsse sie sich daran erinnern, dass der Boden noch da war.
„Dann geschieht es wirklich", sagte sie.
Niemand widersprach.
Jugora sah zurück zu dem Mann im Mantel.
„Dann ist Balura hier nicht länger sicher."
„Nein."
„Oder wir sagen ihm, was er wissen muss."
Der Mann hob den Blick.
„Nicht alles."
Jugoras Kiefer spannte sich.
„Er ist sechzehn."
„Und nicht bereit."
„Das entscheidest du?"
„Nein." Der Mann sah ihn ruhig an. „Das tut, was an ihm haftet."
Für einen Moment war nur das leise Knistern einer Kerze zu hören.
Oynara drehte sich wieder um.
„Wie lange soll er noch im Dunkeln bleiben?"
Der Mann schwieg.
Jugora erkannte dieses Schweigen. Es war kein Ausweichen. Es war eine Grenze.
„Ich werde ihn ausbilden", sagte der Mann schließlich. „Wir bleiben in Bewegung. Wir retten den Orkprinzen. Und wir suchen die Drachen."
Bei dem Wort Drachen regte sich etwas in Jugora.
Nicht Hoffnung.
Nicht ganz.
Eher eine Erinnerung an etwas, das die Welt verloren hatte, ohne je zu begreifen, wie viel damit zerbrochen war.
Ohne Drachen würde es nicht gelingen. Nicht gegen den Feind, der sich wieder regte. Nicht mit Reichen, die einander misstrauten. Nicht mit Königen, die in jedem Bündnis eine Kette sahen und in jeder Bitte einen versteckten Anspruch.
Die Völker waren zerstritten. Jedes Reich griff nach dem, was das andere hatte. Macht. Land. Einfluss. Blutlinien. Alte Rechte. Neue Rache.
Kriege, Intrigen und Mord.
So dachten die meisten Dummköpfe dieser Welt.
Jugora sah den Mann an. Den verlässlichsten Mann, den er kannte. Vielleicht den gefährlichsten. Vielleicht beides.
„Seit sechzehn Jahren bereiten wir uns darauf vor", sagte er. „Du noch um einiges länger."
Der Mann erwiderte nichts.
„Diese Welt wird untergehen", sagte Jugora leise.
Oynara sah ihn an.
Er wandte den Blick zu ihr.
„Die Frage ist nur, wer sie wieder aufbaut."
Für einen Moment blieb alles still.
Dann richtete Oynara sich auf.
Die Sorge wich nicht aus ihrem Gesicht. Aber etwas anderes trat daneben. Etwas Königliches.
„Dann müssen wir Boten senden", sagte sie. „Zu den anderen Königreichen. Und zu den Völkern."
Jugora nickte langsam.
„Rentoka war nur der Anfang", sagte sie. „Wenn es überhaupt noch Anfang ist."
Der Mann schwieg.
Und wieder genügte es.
Oynaras Finger glitten über die Tischkante, als läse sie dort eine alte Schrift.
„Seit Jahrtausenden steht dieser Wald", sagte sie. „Niemand hat ihn eingenommen. Niemand hat ihn gereinigt. Niemand hat ihn wirklich verstanden."
Ihr Blick wurde härter.
„Und als er sich das letzte Mal regte, vor neunhundert Jahren, gab es beinahe keinen freien Willen mehr."
Jugora trat einen Schritt auf sie zu.
„Wir wussten, dass es irgendwann geschehen würde."
„Wussten wir das?"
„Wir haben es gefürchtet."
Das war ehrlicher.
Oynara sah ihn an.
Jugora hielt ihrem Blick stand.
„Wir haben Vorkehrungen getroffen. König Elafiel ist in Kenntnis gesetzt."
Bei diesem Namen hob der Mann im Mantel kaum merklich den Kopf.
„Sein Haus hat die Schreckensjahre nicht vergessen", fuhr Jugora fort. „Nicht alle Elfen haben vergessen. Und Elafiel bemüht sich, die anderen Reiche seines Volkes zusammenzubringen."
„Bemüht sich", wiederholte Oynara.
In diesem einen Wort lag genug Zweifel für ganze Kartenräume.
„Ja", sagte Jugora. „Aber mehr haben wir im Augenblick nicht."
Der Mann klatschte einmal leise in die Hände.
Es war kein spöttisches Geräusch. Auch kein fröhliches. Eher das Ende eines Gedankens.
Dann trat er endgültig ins Kerzenlicht.
Seine schwarzen, schulterlangen Haare umrahmten ein Gesicht, das zu jung war für alles, was Jugora über ihn wusste. Keine tiefen Falten. Keine gebeugten Schultern. Keine sichtbare Last der Jahrhunderte.
Und doch war sie da.
In den Augen.
In der Stille zwischen seinen Worten.
„Am Aufbruchstag", sagte der Mann, „werde ich mich deinem Sohn vorstellen, Jugora."
Oynara sah ihn scharf an.
„Er weiß nicht einmal, wer du bist."
„Er weiß, dass ich kommen werde."
„Das ist nicht dasselbe."
„Nein."
Der Mann sah zu Jugora.
„Das Gespräch vorher überlasse ich dir. Du kennst deinen Sohn besser als ich."
Ein Hauch von etwas, das beinahe Wärme hätte sein können, glitt über sein Gesicht.
„Wobei ich vermute, dass er sich bereits vorbereitet."
Jugora schnaubte leise.
„Balura?"
„Organisatorisch", fügte der Mann hinzu.
Oynara sah kurz zur Seite.
Diesmal war es fast ein Lächeln.
Der Mann nickte ihr zu. Nicht tief. Nicht höfisch. Aber mit einer seltsamen Achtung.
Dann wandte er sich um.
Der Schatten neben der Kommode schien sich für einen Atemzug zu verdichten.
Als das Kerzenlicht wieder ruhig stand, war er fort.
Zurück blieben nur Jugora und seine Gemahlin.
Und eine Stadt unter ihnen, die noch immer aussah, als sei Frieden etwas, das man behalten konnte.
-
Balura stand vor seiner eisenbeschlagenen Truhe und wühlte nach seiner Reisetasche.
In ihm herrschte ein Durcheinander, das er nicht ordnen konnte. Gedanken stießen gegeneinander wie Münzen in einer geschlossenen Hand. Rentoka. Orks. Vater. Auftrag. Reise. Gefahr.
Und immer wieder das Gesicht seines Vaters beim Abendessen.
Balura zog einen zusammengerollten Mantel aus der Truhe, sah ihn an, wusste nicht mehr, weshalb er ihn herausgenommen hatte, und legte ihn auf den Boden.
Hinter ihm wippte Luna auf seinem Bett hin und her.
Sie war ein paar Minuten nach ihm gekommen. Sie hatte angeklopft, den Kopf durch die Tür geschoben und gefragt, ob er schon König von Rentoka geworden sei.
Danach hatte sie sich ohne weitere Einladung auf sein Bett gesetzt.
Natürlich hatte sie das.
„Du bekommst bestimmt eine Schar Soldaten mit", sagte sie. „Und Magier. Vielleicht sogar einen Hauptmann, der auf dich hören muss."
Balura richtete sich halb auf.
„Luna-"
„Und dann reitest du voran", fuhr sie fort, als hätte er nichts gesagt. „Alle schauen zu dir auf, und du sagst so etwas wie: Für Atäerya und für Rentoka!"
Sie hob die Faust, viel zu feierlich für ihr Alter, und grinste.
Balura sah sie an.
„Ich glaube nicht, dass Vater mir eine Armee gibt."
„Vielleicht nicht gleich eine Armee." Sie legte den Kopf schief. „Eine kleine Armee?"
„Luna."
„Eine sehr kleine?"
Er konnte nicht verhindern, dass seine Mundwinkel zuckten.
Sie sah es sofort.
„Siehst du? Ich wusste, dass es gut ist."
„Es ist nicht gut."
„Du sagst doch immer, die Stadt ist ein Gefängnis."
Das traf genauer, als ihm lieb war.
Balura griff nach einem Stapel gefalteter Hemden und legte ihn neben die Truhe. Er hatte tatsächlich oft gesagt, dass Atäerya ihn festhielt. Dass Mauern, Lehrer, Wachen, Protokolle und Familiennamen sich manchmal wie Gitter anfühlten.
Nur hatte er dabei nie gemeint, dass jemand ihn aus diesen Gittern hinausstoßen sollte, weil irgendwo ein Reich fiel.
„Das hier ist etwas anderes", sagte er.
Luna wippte nicht mehr.
„Warum?"
Er suchte nach einer Antwort, die sie verstand, ohne dass sie sich fürchten musste.
„Weil es kein Ausflug ist. Es ist ein politischer Auftrag."
Sie verzog das Gesicht.
„Das klingt langweilig."
„Ist es aber nicht." Balura zog die Brauen zusammen. „Wenn man es zu Ende denkt, werde ich vielleicht irgendwann in eine Schlacht ziehen müssen, um Rentoka zu befreien."
Lunas Augen wurden größer.
Nicht vor Angst.
Vor Begeisterung.
„Ist das nicht toll?"
Balura starrte sie an.
„Toll?"
„Na ja, nicht das mit dem Krieg", sagte sie schnell. „Aber du würdest ein Held werden. Und wenn du eines Tages König bist, kennst du schon den zukünftigen König von Rentoka."
Sie richtete sich auf, als hätte sie gerade eine sehr kluge politische Berechnung vollendet.
„Und ich werde deine königliche Magierin."
Sie lachte, kippte seitwärts um und verschwand halb in seiner Decke.
Balura hörte ihr sorgloses Lachen.
Für einen Augenblick wurde etwas in ihm warm.
Er liebte seine kleine Schwester. Nicht auf die Art, wie man es bei offiziellen Festen sagte, wenn Familie, Blut und Pflicht in schöne Worte gekleidet wurden. Er liebte sie in den kleinen Dingen. In ihrem Lachen. In der Art, wie sie Fragen stellte, als müsse die Welt ihr antworten. In ihrer kindlichen Logik, die manchmal durch seine schwersten Gedanken hindurchkam, als wären sie nur Vorhänge.
„Vielleicht hast du recht", sagte er und schmunzelte.
Dann wurde sein Blick dunkler.
„Aber dann musst du auch dein Leben für mich einsetzen."
Luna hörte auf zu lachen.
Nur für einen Moment.
Sie lag noch immer halb in der Decke, den Kopf zur Seite gedreht. Dann setzte sie sich auf.
„Glaubst du, das würde ich nicht?"
Balura sagte nichts.
Luna sprang vom Bett, stellte sich breitbeinig vor ihn und stemmte die Hände in die Seiten.
„Pah. Die sollen mal herankommen, wenn ich eine ausgewachsene Magierin bin."
Sie reckte das Kinn.
Dann prustete sie los.
Diesmal ließ Balura sich davon anstecken.
Das Lachen löste nicht alles. Aber es löste genug, damit er wieder atmen konnte.
Er nahm seine Reisetasche und ging zum Schreibtisch hinüber. Dort lagen Karten, lose Notizen, ein Tintenfass und drei Bücher, die er am Abend zuvor nicht dort hingelegt hatte.
Oder vielleicht doch.
Er wusste es nicht mehr.
Sein Blick wanderte zu den Regalen an der Wand. Seine private Bibliothek reichte fast bis zur Decke. Die oberen Reihen waren nur über eine schmale Leiter erreichbar, die auf einer Schiene befestigt war und sich mit kleinen Rädern an den Regalen entlangschieben ließ.
„Ich brauche das Buch über Orks", murmelte er.
„Welches?"
„Das kulturelle Erbe der Orks und ihre Geschichte."
Luna verzog wieder das Gesicht.
„Das klingt noch langweiliger als politischer Auftrag."
„Deshalb wirst du nie meine königliche Beraterin."
„Ich wollte Magierin werden."
„Zum Glück."
Balura schob die Leiter zur zweiten Reihe von oben. Die Holzräder liefen leise über die Schiene. Er stieg hinauf, die Hand an den mahagonifarbenen Sprossen, und fuhr mit dem Finger über die Buchrücken.
Hinter ihm murmelte Luna etwas.
Es war kein Satz.
Eher ein Klang.
Leise, hell, kaum mehr als Atem.
Balura hielt inne.
Als er sich umdrehte, war sie bereits fertig.
Sie stand vor seinem Bett und hielt etwas in der rechten Hand. Silber glimmerte zwischen ihren Fingern.
In der anderen Hand lag ein kleiner Spiegel.
„Hier", sagte sie.
Sie grinste, aber nicht ganz so breit wie zuvor.
Balura stieg zwei Sprossen hinunter.
„Was machst du?"
„Ich gebe dir etwas."
„Das sehe ich."
„Dann frag nicht so dumm."
Er sah auf ihre Hand.
Die Kette.
Nicht irgendeine.
Ihre Kette.
„Luna."
„Nimm sie."
Er stieg ganz von der Leiter und kam langsam zu ihr. Je näher er trat, desto deutlicher sah er den Anhänger. Reines Silber, fein gearbeitet, mit einem funkelnden Stein in der Mitte. Ein Diamant in Form eines Sterns.
Der Luna-Stern.
Oynara hatte die Kette für sie anfertigen lassen. Balura erinnerte sich daran, obwohl er damals noch klein gewesen war. An die Nacht von Lunas Geburt erinnerte er sich noch klarer als an vieles andere aus jener Zeit. Die Erwachsenen hatten geflüstert. Diener waren über die Flure geeilt. Und draußen am Himmel hatte ein Stern so hell geleuchtet, dass die Nacht weniger dunkel gewirkt hatte.
Seine Mutter hatte später gesagt, Aelion habe die Geburt gesegnet.
Luna, hatte sie gesagt.
Nach dem Stern.
„Warum willst du sie mir geben?", fragte Balura.
Luna hob die Hand mit dem Spiegel.
„Damit du mit mir reden kannst."
Er blickte zwischen Kette und Spiegel hin und her.
„Wie?"
Luna sah beinahe beleidigt aus.
„Mit Magie."
„Das habe ich verstanden."
„Dann stell bessere Fragen."
Trotz allem musste er lächeln.
Sie wurde wieder ernst genug, um sehr wichtig zu wirken.
„Ich habe in meinem Zimmer auch einen Spiegel. Den großen mit dem goldenen Rand, neben meinem Schrank."
„Ich weiß, welchen du meinst."
„Gut. Wenn du die Kette in die Hand nimmst und meinen Namen sagst, dann kann ich dich hören. Aber nur, wenn ich bei meinem Spiegel bin. Oder wenn ich ihn berühre. Dann können wir uns sehen und miteinander reden."
Balura sah auf den kleinen Spiegel in ihrer Hand. Er war kaum größer als seine Handfläche, mit Gold eingefasst und am Rand mit feinen Linien verziert, die im Kerzenlicht wie winzige Sonnenstrahlen wirkten.
„Du hast das gemacht?"
Luna nickte so selbstverständlich, als hätte sie nur ein Band um einen Brief gebunden.
„Nicht ganz allein. Ich habe es gelesen. Und ausprobiert."
„Ausprobiert?"
„Ein bisschen."
„Luna."
„Es hat funktioniert."
„Mit wem?"
Sie hob die Schultern.
„Mit mir."
Balura sah sie an.
Sie hielt seinem Blick keine zwei Atemzüge stand, dann grinste sie.
„Und einmal mit Manisa. Aber sie hat sich erschrocken und gesagt, ich soll keine Spiegel anflüstern."
Balura schloss kurz die Augen.
Natürlich.
Natürlich hatte Manisa das gesagt.
Er nahm die Kette nicht sofort.
Etwas in ihm weigerte sich. Nicht, weil er sie nicht wollte. Sondern weil sie zu sehr nach Abschied schmeckte.
Luna bemerkte es.
Ihr Grinsen wurde kleiner.
„Du sollst sie nicht behalten für immer", sagte sie. „Nur bis du zurückkommst."
Bis du zurückkommst.
Die Worte legten sich zwischen sie.
Balura nahm die Kette aus ihrer Hand.
Sie war warm von ihren Fingern.
Dann nahm er auch den Spiegel.
„Sowas kannst du schon?", fragte er leise.
Luna hob das Kinn.
„Natürlich."
Natürlich.
Bei ihr klang selbst Unmögliches wie etwas, das man nur üben musste.
Balura betrachtete den Sternanhänger. Der Diamant fing das Licht einer Kerze und warf einen winzigen hellen Punkt an die Wand.
In seiner Familie waren nur seine Mutter und Luna wirklich magisch begabt. Oynara hatte einmal gesagt, jeder Mensch, jeder Ork, jeder Elf, jedes denkende Wesen trage von Geburt an das Potenzial in sich, Magie zu berühren. Aber der Geist sei kein Schlüssel, den man einfach umdrehte. Er sei ein Labyrinth. Manche fanden Wege zur Quelle. Andere nicht.
Balura hatte nie verstanden, warum er keinen fand.
Nicht wirklich.
Er hatte gelernt, es hinzunehmen. So wie man lernt, höflich zu lächeln, wenn jemand sagt, dass andere Gaben ebenso wichtig seien.
Aber manchmal, wenn Luna nur ein Wort murmelte und Magie zwischen ihren Fingern antwortete, spürte er die alte Frage wieder.
Warum nicht ich?
„Balura?"
Er blinzelte.
Luna stand vor ihm und sah ihn an, als hätte sie längst gemerkt, dass er nicht mehr ganz bei ihr war.
„Wenn du mit mir reden willst", sagte sie langsamer, „nimmst du die Kette in die Hand und sagst meinen Namen. Aber ich brauche meinen Spiegel. Sonst sehe ich dich nicht. Und du mich auch nicht."
„Verstanden."
„Wirklich?"
„Wirklich."
„Du musst meinen Namen deutlich sagen."
„Luna."
„Nicht jetzt."
Er lachte leise.
Sie lächelte.
Und plötzlich musste er die Träne unterdrücken, die ihm viel zu schnell in die Augen stieg.
Er atmete ruhig ein.
Langsam.
So, wie sein Vater es ihm beigebracht hatte, wenn ein Gedanke zu groß wurde.
Dann schloss er die Finger um die Kette.
„Danke, Luna", sagte er. „Du bist großartig."
Sie strahlte.
Für einen Moment war sie wieder nur seine kleine Schwester. Keine Magierin. Keine Prinzessin. Kein Kind einer Königin. Nur Luna, die ihm etwas schenkte, weil sie nicht wollte, dass Entfernung stärker war als sie.
Balura sah auf den Stern in seiner Hand.
„Aber du wirst nicht meine königliche Magierin."
Ihr Strahlen wankte.
„Warum nicht?"
Er hob den Blick.
„Weil du frei von solchen Lasten sein sollst. Du sollst tun dürfen, was du möchtest."
Luna schwieg.
Das kam selten vor.
Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust.
„Meinst du?"
„Ja."
„Und wenn ich frei entscheide, dir zu helfen?"
Balura wusste darauf keine Antwort.
Sie sah ihn an, nicht trotzig diesmal. Nicht spielerisch. Nur fest.
Draußen vor dem Fenster lag Atäerya im Abendlicht. Irgendwo tief im Palast ging eine Tür zu. Schritte entfernten sich über Stein. Die Welt tat so, als sei alles noch an seinem Platz.
Balura schloss die Hand fester um die Kette.
Der kleine Stern drückte sich in seine Haut.
„Dann", sagte er schließlich, „hoffe ich, dass ich es wert bin."
Luna trat näher und umarmte ihn.
Nicht vorsichtig. Nicht höfisch. Einfach so, mit beiden Armen und ihrem ganzen Gewicht.
Balura hielt den Spiegel in der einen Hand, die Kette in der anderen.
Und für einen Augenblick dachte er nicht an Rentoka.
Nicht an Orks.
Nicht an Schlachten.
Nur daran, dass er fortgehen würde.
Und dass Luna glaubte, ein Spiegel und ein Stern könnten reichen, damit er nicht ganz verschwand.