Balura lag auf dem Bauch über dem Rand eines flachen Daches und blickte in die Gasse hinab.
Unter ihm stand Luna.
Seine kleine Schwester hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt, als lausche sie auf etwas, das nur sie hören konnte. Eine goldene Strähne hatte sich aus ihrem Haar gelöst und fiel ihr über die Wange. Vor ihr lag der Obststand eines Händlers. Zwischen Birnen, Pflaumen und roten Äpfeln hob sich einer der Äpfel langsam aus der Auslage.
Balura musste lächeln.
Natürlich tat sie es wieder.
Luna war zehn Jahre alt und befand sich, wie sie selbst sagte, in einer Phase der Aufregung. Das bedeutete meistens, dass sie sich aus der Obhut ihrer Zofe Manisa stahl, durch Gassen huschte, Dinge ausprobierte und hinterher behauptete, es habe in ihren Fingern gekribbelt. Manisa trieb das regelmäßig in den Wahnsinn. Balura hingegen konnte ihr kaum böse sein.
Nicht wirklich.
Der Apfel glitt über den Rand des Standes hinweg und schwebte direkt in Lunas ausgestreckte Hand. Einen Augenblick lang betrachtete sie ihn zufrieden, als habe sie gerade eine besonders schwierige Lektion bestanden.
Dann biss sie hinein.
Baluras Lächeln wurde schwächer.
Er kannte dieses Gefühl. Es kam immer dann, wenn Luna ihre Magie rief, als wäre sie ein Teil ihres Atems. Bei ihr genügte ein Gedanke, ein kleines Ziehen der Finger, vielleicht dieses Kribbeln, von dem sie ständig sprach.
Bei ihm kam nichts.
Kein Funke. Kein Leuchten. Kein Druck hinter den Augen. Kein heimliches Erwachen im Blut.
Nur Stille.
Er schob den Gedanken beiseite, griff nach den rauen Steinen am Dachrand und kletterte hinunter. Seine Stiefel fanden die alten Vorsprünge fast von selbst. Als Kind hatte er diese Mauer so oft benutzt, dass er jeden Riss kannte. Einmal hatte er sich dabei das Knie aufgeschlagen und seiner Mutter geschworen, es sei beim Training passiert. Oynara hatte ihm nicht geglaubt. Sie hatte nur gelächelt, die Wunde gereinigt und gesagt, Lügen würden nicht schneller heilen als Blut.
Unten angekommen lief er um das Gebäude herum und trat gerade in die Gasse, als Luna verschwinden wollte.
„Luna!“
Sie fuhr herum. Der angebissene Apfel lag noch immer in ihrer Hand, und ein schelmisches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Oh. Hallo, Balura.“ Sie blinzelte unschuldig. „Was machst du denn hier?“
Balura richtete sich auf und verschränkte die Arme.
„Ich wollte dich beim Stehlen erwischen. Was denkst du denn?“
Luna sah auf den Apfel, dann wieder zu ihm. „Das ist ein sehr großes Wort für einen sehr kleinen Apfel.“
„Es bleibt trotzdem Stehlen.“
„Ich wollte ihn ja nicht behalten.“
Balura sah auf die Bissstelle.
Luna folgte seinem Blick und hielt den Apfel etwas tiefer. „Nicht ganz.“
Er konnte sich ein Lachen nicht ganz verkneifen. „Du wolltest ihn also nur magisch an deine Hand gewöhnen und zufällig anbeißen.“
„Vielleicht war er schneller als ich.“
„Der Apfel?“
Luna nickte ernst. „Er ist mir praktisch in den Mund geflogen.“
Balura schüttelte den Kopf, aber sein Lächeln verriet ihn. Dann deutete er mit dem Kinn in Richtung Palast. „Komm. Es gibt gleich Abendessen. Ich habe dich gesucht.“
Sie gingen nebeneinander aus der Gasse hinaus. Hinter ihnen rief der Händler einem Kunden etwas zu, ohne bemerkt zu haben, dass einer seiner Äpfel für einige Atemzüge die Schwerkraft vergessen hatte.
An der nächsten Ecke ließ ein Junge eine blaue Murmel über den Boden tanzen. Sie sprang nicht, sie rollte nicht, sondern hüpfte in kleinen Kreisen um seine Stiefel, als sei sie lebendig. Ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen lachte und versuchte, sie mit dem Fuß zu berühren. Die Murmel wich ihr aus.
Ein paar Schritte weiter hielt ein alter Mann beide Hände über eine schwebende Flamme. Sie war kaum größer als eine Walnuss und färbte seine runzligen Finger orange. Neben dem Brunnen ließen zwei junge Magier Wassertropfen in der Luft tanzen. Die Tropfen stiegen, kreisten, fielen, stiegen wieder. Einer platzte und traf einen vorbeigehenden Bäcker an der Wange.
Der Bäcker fluchte nicht. Er wischte sich nur über das Gesicht und ging weiter.
Niemand blieb lange stehen. Niemand erschrak.
Nur Balura sah manchmal zu lange hin.
„Dir ist klar, warum du nicht stehlen solltest, oder?“, fragte er.
„Ja“, antwortete Luna sofort.
Er wartete.
Sie drückte den Apfel an sich und seufzte. „Es kribbelt einfach so.“
Balura nickte langsam. Dieses Gespräch hatten sie schon geführt, mehr als einmal. Er hatte ihr erklärt, warum man nicht nahm, was einem nicht gehörte. Sie hatte jedes Mal ernst genickt und es kurze Zeit später wieder vergessen, sobald das Kribbeln kam.
„Du könntest wenigstens fragen“, sagte er.
Luna verzog das Gesicht. „Dann ist es kein Üben mehr.“
„Doch. Dann ist es ehrliches Üben.“
„Ehrliches Üben kribbelt weniger.“
Balura wollte streng schauen, aber es gelang ihm nicht. Er verstand sie besser, als er zugeben wollte. Nicht in den Fingern. Nicht so wie sie. Aber auch in ihm gab es ein Ziehen. Einen Drang, auszubrechen, irgendwohin zu gehen, die Mauern hinter sich zu lassen.
Heute fühlte sich dieses Ziehen stärker an als sonst.
Am Morgen hatte sein Vater ihn zur Seite genommen. König Jugora von Atäerya war kein Mann, der Worte verschwendete. Wenn er sprach, hörten andere zu. Doch heute hatte er Balura nicht im Thronsaal angesprochen und auch nicht während einer Unterrichtsstunde oder beim Training.
Er hatte ihn im Säulengang abgefangen, dort, wo die Sonne durch die hohen Fenster fiel und helle Streifen auf den Boden legte. Balura hatte gerade einen Stapel Karten unter dem Arm getragen. Jugora war vor ihm stehen geblieben, ohne ihn zu grüßen.
„Bitte sei heute Abend beim Essen“, hatte er gesagt. „Es gibt etwas Wichtiges zu besprechen.“
Mehr nicht.
Kein Hinweis. Keine Erklärung. Nur dieser Blick, eisblau und unbewegt, als habe er seine Entscheidung längst getroffen.
Seitdem arbeitete der Satz in Balura.
Normalerweise besprach sein Vater wichtige Angelegenheiten zwischen zwei Pflichten mit ihm: auf dem Weg zu einer Audienz, nach dem Waffenunterricht oder während sie gemeinsam Berichte lasen. Beim Abendessen, in Anwesenheit der Familie, tat er das selten.
Vielleicht ging es wieder um Unterricht. Um Aufgaben. Um Training.
Balura verzog das Gesicht.
Mehr Unterricht, noch mehr Aufgaben, noch mehr Pflichten. Er kannte den Klang dieser Worte, noch bevor jemand sie aussprach. Sie klebten an seinem Leben wie Staub an alten Büchern.
„Nein“, murmelte er. „Dafür sah Vater zu ernst aus.“
Luna blieb fast stehen. „Warum sah Vater ernst aus?“
Balura merkte erst jetzt, dass er laut gesprochen hatte. Er sah zu ihr hinab.
„Er möchte heute Abend etwas Wichtiges mit uns besprechen. Er hat aber nicht gesagt, worum es geht.“
Luna runzelte die Stirn. Dann nickte sie, als hätte sie die Sache bereits durchschaut.
„Bestimmt geht es um dich.“
Balura antwortete nicht.
Wahrscheinlich hatte sie recht.
Sie bogen um die Ecke und traten auf die Palaststraße. Breite Steinplatten zogen sich bis zum großen Tor hinauf. Kutschen rumpelten darüber hinweg, Pferde schnaubten, Händler priesen ihre Waren an, und zwischen den Stimmen der Menschen klirrten irgendwo Glöckchen an einem Wagen. Die Straße war so weit, dass mehrere Kutschen nebeneinander Platz gehabt hätten.
Balura hatte andere Städte gesehen, zumindest einige. Dort hielten Händler ihre Kisten näher bei sich. Dort blickten Wachen schärfer in die Menge. Dort roch es in manchen Gassen nach Armut und alter Angst.
Atäeres roch nach warmem Brot, Stein, Regenwasser und Blumen.
Eine Frau stellte einen Korb mit Tüchern vor ihren Laden, ohne sich danach umzusehen. Zwei Kinder liefen daran vorbei, und keines von ihnen dachte daran, etwas herauszuziehen. Ein Wachmann half einem alten Mann, einen Sack Mehl auf einen Karren zu heben. Auf der anderen Straßenseite verbeugte sich ein Schreiber vor einer Kundin, als habe sie ihm gerade eine Audienz gewährt.
Luna lief an Baluras Seite und aß den Apfel jetzt mit deutlich weniger Schuldgefühl.
„Du solltest den Kern wenigstens irgendwo einpflanzen“, sagte Balura.
„Dann war es kein Diebstahl, sondern eine Investition.“
„Das Wort hast du von Marlon.“
„Marlon benutzt viele Wörter, wenn er klug wirken will.“
Balura lachte leise.
An den Seiten reihten sich Geschäfte aneinander. Bäcker, Tuchhändler, Schreiber, Goldschmiede. Zwischen zwei Säulen lag ein Magierladen mit hohen Fenstern, hinter denen bauchige Glasflaschen in allen Farben schimmerten.
Baluras Blick blieb daran hängen.
Tränke.
Grüne Flüssigkeiten, so dick wie Honig. Silberne Tropfen, die sich in ihren Flaschen nicht beruhigen wollten. Ein roter Trank, in dem kleine Funken aufglühten und wieder verschwanden. Auf einem Schild stand in sauberer Schrift: Verwandlungen, Heilung, Schlaf, Wärme, Licht.
Balura spürte, wie seine Finger sich unwillkürlich bewegten.
Einmal hatte er genau dort einen Verwandlungstrank gekauft. Der Händler hatte ihm dreimal erklärt, dass die Wirkung nicht länger als eine Stunde halten würde. Balura hatte genickt, bezahlt und noch in derselben Nacht die Flasche geöffnet.
Der Trank hatte nach nassem Fell und Pfeffer geschmeckt.
Dann war die Welt gewachsen.
Oder er war geschrumpft.
Seine Hände waren zu Pfoten geworden, seine Sicht tiefer, breiter, schärfer. Jeder Geruch hatte eine eigene Form bekommen. Staub. Regen. Mäuse. Kalter Stein. Er war durch die Straßen geschlichen, unter Karren hindurch, an schlafenden Hunden vorbei, und hatte schließlich hinter einer losen Mauerplatte einen Eingang gefunden, den er als Mensch nie bemerkt hätte.
Für diese eine Nacht war er frei gewesen.
Am nächsten Morgen hatte Jugora ihn mit zerkratzten Händen, zerrissener Kleidung und Katzenhaaren an den Ärmeln im Hof gefunden.
Der Ärger danach war gewaltig gewesen.
Aber für diese eine Nacht hatte Balura etwas gespürt, das echter Magie nahekam.
Nicht seine eigene. Nie seine eigene.
Nur geliehen. Eingeschlossen in Glas, vorbereitet von fremden Händen, für einen kurzen Moment durch seinen Körper gejagt. Wenn ein Trank wirkte, dann wirkte er. Balura konnte ihn nicht formen, nicht lenken, nicht zurückrufen. Er konnte nur schlucken und hoffen, dass die Magie tat, was der Händler versprochen hatte.
„Kommst du?“, fragte Luna.
Balura löste den Blick vom Laden.
„Ja.“
„Du schaust immer so, wenn wir hier vorbeigehen.“
„Wie schaue ich denn?“
Luna überlegte. „Als hättest du Hunger, aber nicht auf Essen.“
Balura sah sie an. Für einen Moment wusste er nicht, was er darauf sagen sollte.
Dann nickte er nur.
Vor ihnen erhob sich der Palast. Seine hellen Mauern fingen das Abendlicht ein, und zwei gewaltige Türme ragten rechts und links neben dem Tor in den Himmel. Wachen standen dort in glänzenden Brustplatten. Sie richteten sich auf, als die Geschwister näher kamen.
„Guten Abend, Alfred. Guten Abend, Canil“, sagte Balura.
Luna winkte fröhlich.
„Guten Abend, Prinzessin Luna. Guten Abend, Prinz Balura“, erwiderten die beiden Wachen.
Hinter der Palastmauer öffnete sich der Garten. Blumen in kräftigen Farben säumten den Weg, und zwischen ihnen summten Insekten im warmen Licht. Rechts vom Hauptweg erhob sich eine große Statue. Aelion, der Gott der Menschen, blickte von einem steinernen Sockel über den Garten hinweg.
Balura verlangsamte kaum merklich den Schritt.
Am Fuß der Statue lagen frische Blüten. Jemand hatte eine schmale Kerze entzündet, obwohl es noch nicht dunkel war. Der Wind bewegte die kleine Flamme, löschte sie aber nicht.
Eine ältere Dienerin kam aus einem Seitenweg, blieb vor der Statue stehen und senkte den Kopf. Ihre Lippen bewegten sich. Balura hörte kein Wort, doch er erkannte die Haltung. Eine Bitte. Vielleicht Dank. Vielleicht Angst.
Als sie weiterging, berührte sie mit zwei Fingern den Sockel.
Außerhalb von Atäerya glaubten viele kaum noch an die alten Götter. Das hatte Balura oft genug in Berichten gelesen, die sein Vater ihm vorlegte. In anderen Reichen standen Tempel leer, Priester stritten über Zeichen, und manche Gelehrte sprachen von den Göttern, als seien sie nur Namen aus alten Liedern.
In Atäerya sprach man anders über Aelion.
Leiser. Vorsichtiger.
Als sei sein Blick nicht nur aus Stein.
Balura hatte nie gewusst, ob er das tröstlich fand oder beunruhigend.
Schweigend gingen sie weiter. Der Palast türmte sich vor ihnen auf, mit seinen Flügeln, Türmen und hohen Fenstern. Am Eingang rankten Rosen an den Mauern empor, und in die breiten Steinstufen waren geschwungene Muster gemeißelt.
In der großen Halle trennten sich ihre Wege. Luna lief zu ihren Gemächern, vermutlich um den Apfelrest loszuwerden, bevor Manisa ihn fand. Balura ging in den oberen rechten Flügel.
Sein Zimmer war geräumig, aber nicht überladen. Ein schwerer Schreibtisch aus dunklem Holz stand nahe dem Fenster, daneben Regale voller Bücher. Manche davon hatte er für den Unterricht bekommen. Andere hatte er sich selbst gesucht. Die besten waren meistens die, die niemand ihm gegeben hatte.
Er legte die Hand auf den Rücken eines schmalen Bandes im untersten Regal. Dort standen die Bücher, die er nicht offen auf dem Schreibtisch liegen ließ.
Drachenjagd war nicht mehr darunter.
Sein Vater hatte es damals mitgenommen.
Balura zog die Hand zurück, wusch sich und wechselte die Kleidung. Trotzdem kehrten seine Gedanken immer wieder zu Jugoras Stimme zurück.
Es gibt etwas Wichtiges zu besprechen.
Was plante er?
Als Balura später durch die Flure in Richtung Speisesaal ging, traf er auf Marlon. Sein Bruder war dreizehn, drei Jahre jünger als er, und trug sein Haar heute so ordentlich zurückgekämmt, als wolle er schon jetzt wie ein kleiner Berater des Königs aussehen.
Balura liebte Marlon. Das bedeutete nicht, dass er ihn immer mochte.
Marlon sah ihn kommen und grinste schief. „Na? Kommst du heute auch zum Abendessen?“
Balura blieb nicht stehen. „Vater möchte über etwas Wichtiges sprechen.“
„Natürlich möchte er das.“ Marlon schloss zu ihm auf. „Sonst würdest du vermutlich wieder irgendwo auf einem Dach sitzen.“
Balura spürte, wie Ärger in ihm aufstieg.
Seit seiner Rebellion vor vier Jahren ließ Marlon kaum eine Gelegenheit aus, kleine Spitzen zu setzen. Damals war Balura zwölf gewesen und hatte seine Pflichten verweigert. Unterricht, Etikette, Training, Sitzungen, Berichte. Alles hatte sich wie eine Kette angefühlt, und irgendwann war seine Wut stärker gewesen als seine Vernunft.
Er erinnerte sich noch an den letzten Abend vor der Strafe.
Jugora hatte vor ihm gestanden, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Keine erhobene Stimme. Kein Zorn, den Balura hätte greifen können. Nur diese eisige Ruhe.
„Du willst Freiheit“, hatte sein Vater gesagt. „Aber du verwechselst Freiheit mit Flucht.“
Balura hatte ihm etwas Hässliches entgegengeschleudert. Er wusste nicht mehr jedes Wort. Nur noch Oynaras Gesicht, als sie im Türrahmen stand und begriff, dass keiner von beiden nachgeben würde.
Die Tage danach waren eng gewesen. Steinwände. Wachen vor der Tür. Kein Unterricht, keine Stadt, kein Dach, keine Flucht.
Nur Oynara war gekommen.
Sie hatte sich zu ihm gesetzt, manchmal mit einem Buch, manchmal ohne. Anfangs hatte Balura kein Wort gesagt. Später hatte er gesprochen, geschrien, geschwiegen und irgendwann geweint, obwohl er sich dafür hasste.
Danach war etwas in ihm ruhiger geworden.
Seitdem erfüllte er seine Pflichten als Thronerbe. Im Gegenzug durfte er seine Abende so verbringen, wie er wollte.
Meistens jedenfalls.
„Wollen wir dann endlich?“, fragte Marlon und riss ihn aus den Gedanken.
Balura antwortete nicht. Er ging weiter zur schweren Eichentür des Speisesaals, an der zwei Wachen standen, legte die Hand auf die Klinke und öffnete.
Abendsonne fiel durch die hohen Fenster und blendete ihn für einen Augenblick. Dann erkannte er den langen Tisch aus dunklem, poliertem Marmor. An einem Ende saß sein Vater. Gegenüber von ihm saß Oynara.
Baluras Mutter.
Ihr kastanienbraunes Haar fiel über die Schultern ihres grünen Seidenkleides, und als sie ihn sah, wurde ihr Blick warm. Neben ihr saßen Luna und Elina. Elina war fünf Jahre alt und hatte bereits beide Hände dicht am Brotkorb, als könne sie ihn durch bloße Geduld zu sich locken.
Oynara bemerkte es und schob ihr ein kleines Stück zu. Elina strahlte, als habe sie einen diplomatischen Sieg errungen.
Balura setzte sich links neben seinen Vater.
„Guten Abend“, sagte er. „Ich hoffe, wir sind nicht zu spät.“
Jugora sah ihn an. Seine Augen waren eisblau und so undurchschaubar wie eh und je. Balura hatte nie erraten können, was hinter diesem Blick vorging.
Bevor der König antwortete, sprach Oynara.
„Ihr kommt genau richtig. Das Essen wurde gerade serviert.“
Marlon ließ sich auf seinen Platz fallen und griff sofort nach einem Stück Keule. „Endlich. Ich sterbe fast vor Hunger.“
„Du stirbst seit einer Stunde“, sagte Luna.
„Das macht es nicht weniger ernst.“
Elina kicherte mit vollem Mund. Oynara reichte ihr ein Tuch, und für einige Atemzüge klang alles normal. Besteck berührte Teller, Diener stellten Schalen ab, der Duft von gebratenem Fleisch, Kräutern und warmem Brot füllte den Saal.
Balura nahm einen Bissen, schmeckte aber kaum etwas.
Sein Vater aß nicht.
Jugora saß sehr aufrecht, die Finger neben dem Teller verschränkt. Seine Schultern wirkten ruhig. Zu ruhig.
Oynara bemerkte es ebenfalls. Ihr Blick glitt kurz zu ihm, dann zu Balura. Sie sagte nichts.
Dann schob Jugora seinen Stuhl zurück und stand auf.
Die Gespräche verstummten.
Der König legte beide Hände auf die Tischkante und sah seine Familie der Reihe nach an. Sein Blick blieb einen Moment länger auf Balura liegen.
„Vor einigen Tagen ist Rentoka gefallen.“
Balura richtete sich auf.
Marlon hörte auf zu kauen.
Luna legte den Apfelkern, den sie offenbar doch mitgebracht hatte, langsam neben ihren Teller.
„Die Orks haben den letzten menschenfreundlichen König getötet“, fuhr Jugora fort.
Eine Kälte breitete sich in Baluras Magen aus.
Er sah wieder den Kartenraum vor sich. Den langen Tisch, auf dem die nördlichen Reiche ausgebreitet lagen. Die kleinen schwarzen Steine für befestigte Städte. Die roten für alte Schlachtfelder. Die schmale Linie der Grenze, die in den Unterrichtsstunden immer so sauber aussah und in Wirklichkeit aus Wäldern, Pässen, Dörfern und Angst bestand.
Rentoka lag dort, wo die Karten nie ruhig wirkten.
Balura erinnerte sich an Roktaru.
Vor einigen Jahren war der König von Rentoka in Atäeres zu Gast gewesen. Balura hatte ihn im Hof gesehen, umgeben von Menschen, die höflich lächelten und doch einen halben Schritt zu viel Abstand hielten. Roktaru war groß gewesen, selbst für einen Ork, mit Narben im Gesicht und einer Stimme, die jeden Raum füllte. Trotzdem hatte Balura ihn nicht als wild empfunden.
Er hatte sich an einen Moment erinnert: Ein Stalljunge hatte vor Roktarus Pferd die Kontrolle über einen Wassereimer verloren. Der Eimer war umgekippt, Wasser über die Stiefel des Orkkönigs gelaufen. Alle waren erstarrt.
Roktaru hatte den Jungen angesehen, dann gelacht und den Eimer selbst wieder aufgehoben.
„Wollen die Orks jetzt Krieg gegen uns Menschen führen?“, fragte Marlon. Seine Stimme klang höher als sonst.
Balura dachte an Grenzlinien, Pässe, Handelswege und kleine befestigte Städte, die immer zuerst litten, wenn große Reiche einander misstrauten.
„Wenn Rentoka gefallen ist“, sagte er langsam, „werden die angrenzenden Reiche bald Überfälle erleben.“
Er bemerkte, wie sein Vater ihn ansah.
„Das wird passieren“, fügte Balura leiser hinzu.
Jugora nickte kaum merklich. „Wir wissen nicht genau, was sie vorhaben. Aber Atäerya hat seit dem Untergang der Drachen die Aufgabe, die Menschen zu schützen.“
Diese Worte kannte Balura. Er hatte sie oft gehört, in Unterrichtsräumen, bei Zeremonien, in den Hallen der Ahnen. Doch heute klangen sie anders.
Schwerer.
Seine Gedanken glitten zurück zu einem staubigen Nachmittag vor zwei Jahren.
Damals hatte er sich in den hinteren Teil der Palastbibliothek geschlichen, dorthin, wo kaum jemand ging. Die Regale standen enger, die Fenster waren kleiner, und der Staub lag dick auf den Buchrücken. Balura hatte eigentlich nach alten Karten gesucht. Stattdessen war ihm ein schmaler Band aufgefallen, dessen Ledereinband an einer Ecke eingerissen war.
Drachenjagd.
Der Titel hatte ihn sofort angezogen.
Nicht, weil er Drachen kannte. Niemand kannte Drachen. Nicht wirklich. Gerade deshalb hatte er das Buch mitgenommen.
Er hatte es in seinem Zimmer geöffnet und bis tief in die Nacht gelesen. Von Jagden. Von Schuppen, Blut und Knochen. Von Menschen, die Drachen nicht als Wesen beschrieben, sondern als Vorräte. Als Macht, die man zerlegen konnte.
Am nächsten Morgen hatte er seinen Vater danach gefragt.
Jugora hatte das Buch nicht sofort genommen. Er hatte es angesehen, als läge etwas Totes auf dem Tisch.
„Wo hast du das gefunden?“
„In der Bibliothek.“
„In welchem Teil?“
Balura hatte die Antwort gegeben. Danach war es still geworden.
Schließlich hatte sein Vater gesagt: „Dieses Buch beschreibt eine Zeit, in der Drachen überall auf der Welt lebten. Eine Zeit vor dem Untergang des Schwarzen Schreckens.“
Dann hatte er Balura lange angesehen.
„Man sah in den Drachen nur eine Quelle der Macht. Nach der Schlacht gegen den Schwarzen Schrecken verschwanden die wenigen, die noch übrig waren, aus der Welt. Kein Sterblicher hat je wieder einen Drachen gesehen.“
Balura hatte damals kaum glauben können, was er hörte.
„Vater“, sagte Marlon und riss Balura aus der Erinnerung. „Möchtest du ein Heer entsenden?“
„Natürlich nicht“, erwiderte Jugora scharf.
Marlon senkte den Blick.
Der König sah wieder zu Balura. „Roktaru hatte einen Sohn. Er muss ungefähr in deinem Alter sein. Sein Name ist Logtar. Wir wissen aus sicherer Quelle, dass er mit seiner Mutter fliehen konnte.“
Jetzt verstand Balura.
Sein Herz schlug schneller.
„Du willst ihm zur Hilfe kommen“, sagte er.
Jugora nickte. „Roktaru hat die Menschen respektiert. Ihm war es zu verdanken, dass es seit Jahrzehnten keine größeren Überfälle der Orks gab. Jetzt, da er tot ist und seine Hauptstadt gefallen ist, gibt es niemanden mehr, der diese Ordnung hält.“
„Und wie sollen wir das schaffen?“, fragte Marlon. „Wenn wir kein Heer entsenden, wie finden wir dann in so einem weit entfernten Feindesland einen flüchtigen Ork und seine Mutter?“
Er zögerte kurz, dann fügte er hinzu: „Und wozu?“
Oynaras Blick wurde streng, doch Jugora ließ Marlon die Frage stehen.
Balura sah seinen Bruder an.
Er wusste, worauf Marlon hinauswollte. Ein Orkprinz war kein Mensch. Kein Verbündeter aus eigenem Blut. Kein Fürstensohn aus einem Nachbarreich. Für manche am Hof wäre das Antwort genug gewesen.
Doch Balura sah wieder Roktaru im Hof stehen, den umgestoßenen Eimer in der Hand, den erschrockenen Stalljungen vor sich.
„Er wird keine Chance haben“, sagte Balura. „Wenn ihn niemand findet, wird er sterben oder gefangen genommen.“
„Richtig“, sagte Jugora.
Der König ließ das Wort einen Moment lang im Raum stehen. Dann sah er Balura direkt an.
„Und deshalb wirst du in drei Tagen aufbrechen und ihn retten.“
Für einen Augenblick hörte Balura nichts mehr.
Nicht Marlons Atem. Nicht das leise Klirren eines Bechers. Nicht Elinas unruhiges Scharren mit den Füßen unter dem Tisch.
Drei Tage.
Die Worte öffneten etwas in ihm. Einen Weg. Ein Tor. Die Außenwelt, nach der er sich so lange gesehnt hatte, lag plötzlich nicht mehr hinter Büchern, Mauern und Karten. Sie lag vor ihm.
Und zum ersten Mal fühlte sie sich nicht nach Freiheit an.
Balura sah seinen Vater an, doch Jugoras Gesicht verriet nichts.
Dann senkte Balura langsam den Blick auf seine Hände.
Sie lagen still auf der Tischkante.
Kein Kribbeln.
Kein Funke.
Nur der Auftrag.